Zu wenige Österreicher geimpft?

26. Juli 2007, 13:12
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Vorsorge als "Leistung für die Allgemeinheit" - Experten warnen bei internationaler Konferenz vor neuer Influenza Pandemie

Wien - Sich rechtzeitig gegen die "echte" Grippe zu impfen, dazu haben führende Ärzte aufgerufen. Denn "die nächste Influenzawelle kommt bestimmt", warnte Michael Kunze.

Neue Pandemie absehbar

Alle Experten sind sich einig: Über kurz oder lang wird es zu einer neuen Influenza-Pandemie - ähnlich der "Spanischen Grippe" mit 50 Millionen Toten ab 1918 - kommen. Mit neuen Medikamenten und neuen Impfstofftechnologien aber hätte die Menschheit im 21. Jahrhundert erstmals die Chance, eine solche Katastrophe abzuwehren.

Noch nicht genug vorbereitet

"Aber es wird wieder geschehen. Die Welt, und hier auch Europa, sind noch nicht genug vorbereitet", warnte bei einer internationalen Influenza-Impfstoff-Konferenz in Wien der niederländische Experte Univ.-Prof. Dr. Albert Osterhaus.

Pandemie kann verhindert werden

"Wir haben derzeit fast schon die Mittel dazu. Wir könnten die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts verhindern ", sagte der in Fachkreisen weltbekannte Spezialist Univ.-Prof. Dr. John Oxford von der Londoner Queen Mary's School of Medicine. Im Rahmen der Konferenz "Influenza-Vakzine für die Welt" im Palais Ferstl diskutieren Spitzenfachleute aus Wissenschaft, Gesundheitsbehörden und Pharmaindustrie die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet.

Situation ähnlich wie 1918

Oxford bewertet die gegenwärtige Situation mit bisher rund 250 weltweit bekannt gewordenen Vogelgrippe-Fällen bei Menschen und bisher 152 Todesopfern als potenziell ähnlich jener vor 1918, als die ersten Erkrankungen auftauchten: "1916 gab es 145 Todesfälle. Doch dann startete die Influenza-Pandemie wie ein Tsunami." Die ersten Opfer und die schnellste Verbreitung fand sich damals entlang der Frontlinie des Ersten Weltkriegs in Nordfrankreich, wo einander Millionen Soldaten auf engstem Raum - zusammen mit den Geflügel- und Schweinezuchten für die Versorgung - gegenüber standen. Neben jungen Erwachsenen starben vor allem Kinder.

Befürchtet wird, dass sich aus dem Vogelgrippe-Virus H5N1 ein Erreger entwickeln könnte, der jene beiden Charakteristika aufweist, die für eine neue Influenza-Pandemie notwendig sind: leichte Verbreitbarkeit unter den Menschen und hohe Pathagenität - das heißt: schwerer Krankheitsverlauf. Zweiteres besitzt H5N1 ohne Zweifel. Osterhaus: "Die Sterblichkeit betrug bisher beim Menschen 60 Prozent."

Situation in Österreich

Jährlich sterben in Österreich von etwa 400.000 Grippe-Kranken bis zu 3.000 Menschen an Influenza und deren Folgekrankheiten, führte Michael Kunze aus. "Bei einer Infektionskrankheit, die durch Händeschütteln oder Bussi-Geben übertragen werden kann", ist Impfen laut Kunze eine "Leistung für die Allgemeinheit". Damit "schütze ich nicht nur mich selbst, sondern auch andere".

Schwere Erkrankung

Influenza sei eine "schwere Krankheit", sagte die Virologin Heidemarie Holzmann. "Kinder sind dabei oft Schlüsselpersonen für die Ausbreitung", sagte sie, "wer sich impft, schützt auch Senioren und Schwangere."
Besorgt zeigten sich die Ärzte über die in Österreich sehr geringe Impfbeteiligung von 13 bis 18 Prozent, im Gegensatz zu "Vorzeigeländern" wie Kanada mit rund 34 Prozent.

Die Aktion "Ich schütze mich - Ich schütze dich!" soll hier entgegenwirken, getragen vom Gesundheitsministerium, dem Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates, der Österreichischen Ärzte- und Apothekerkammer und der Pharmafirma Novartis.

Geringe Impfbeteiligung bei Ärzten und Gesundheitspersonal

Die Aktion soll laut Hubert Hrabcik, Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, "eine höhere Beteiligungsrate in der Bevölkerung erreichen und das Gesundheitspersonal motivieren". Die geringe Impf-Beteiligung von Ärzten und Krankenschwestern sei "Fahrlässigkeit", läge aber auch "am Helfersyndrom des Berufs", ergänzte der Wiener Infektionsspezialist Univ.-Prof. Dr. Christoph Wenisch.

Ziel Durchimpfungsrate von 70 Prozent

Viele Spitalmitarbeiter würden fälschlicherweise denken "Ich bleibe nicht daheim, wenn es den Kranken viel schlechter geht als mir". An beispielhafte medizinische Einrichtungen wird aus diesem Grund heuer erstmals ein Gütesiegel vergeben, Ziel ist eine Durchimpfungsrate von 70 Prozent.
(APA)

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