Zwischen Welten

18. Oktober 2006, 21:17
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Am 20. Oktober feiert Elfriede Jelinek ihren 60. Geburtstag. Die Viennale zeigt an diesem Tag sechs Lieblingsfilme der Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin

In alten Hollywoodfilmen hatten auch einfache Leute immer bemerkenswert große Wohnungen. Das war der Technik geschuldet, den riesigen Scheinwerfern und Kameras, die entsprechende Aufbauten brauchten. In Jacques Tourneurs "Cat People" gibt es eine schöne Szene, in der Irena, die von Selbstzweifeln befallene, einsame Frau in New York, einem Mann die Tür zu ihrem Heim öffnet. Ihrem Stand nach wäre eine sachlich eingerichtete, kleine Wohnung zu erwarten. Stattdessen erscheint ein mit Artefakten aller Art bestücktes Paralleluniversum, eine Eigenwelt, die mit den sozialen Umständen und dem New Yorker Immobilienmarkt nichts zu tun hat. "Cat People" (1942) hat, wie jeder gute Horrorfilm, eine rationale Ebene und eine, die sich dem Verständnis entzieht. Es gibt kein Kriterium, das die Entscheidung zwischen den Ebenen erlaubt – es gibt nur die Angstlust an der Unsicherheit, die auch ein Reichtum an Zeichen und Anzeichen aller Art nicht beruhigen kann.

Eine entsprechende Schwelle zwischen zwei Welten, zwei Erzählsträngen, zwei Inkarnationen findet sich in fast allen Filmen, die Elfriede Jelinek für das Special "It’s a Gift" ausgewählt hat. In Alfred Hitchcocks Klassiker "Vertigo" (1958) und in "Lost Highway", David Lynchs postmodernem Klassiker von 1997, geht es dabei um ein Schizo-Potenzial, das Regisseure als Meister der Zeichen immer wieder im Zaum halten. Was die Figuren nicht durchschauen, wird für das Publikum lesbar, ohne dass sich aus der Lektüre eine Handlungsanweisung gewinnen ließe. Die Strategien der Verfremdung, die Elfriede Jelinek in ihren Büchern versucht hat, hatten im B-Film der 40er-Jahre noch Platz nahe am Mainstreamkino. Sie waren in scheinbar triviale Horrorgeschichten eingewoben.

Den Texten selbst vielleicht am nächsten liegt Ulrike Ottinger, die in "Bildnis einer Trinkerin" (1979) zwei Frauen durch Berlin begleitet. Die Stadt war in diesen Jahren ein Ort, an dem man sich verlieren konnte – diese Stimmung von Unwirklichkeit zeigen jedenfalls viele Berlin-Filme vor 1989, und Ottinger hat die räumliche Beschränktheit besonders stark für eine Entgrenzung des Imaginativen genutzt. Sie blieb dabei Formen des Szenischen treu, in denen das Kino nicht als Sog (wie bei Lynch) erschien, sondern als Medium für Vorgänge, die selbst nicht mehr Natur sind, sondern Konstruktionen.

"Liebe ist kälter als der Tod" (1969) von Fassbinder verfährt mit den richtigen Gangsterfilmen so ähnlich, wie Jelinek mit "Genres" in ihren Büchern: Die diskrete Ökonomie von psychischer Besetzung und visuellem Motiv wird freigelegt. Während der Gangster gewöhnlich zumindest in der Kälte (auch gegen sich selbst) eine Sicherheit gewinnt, die selbst schon ein Zeichen (für die Gegner) ist, fügt sich bei Fassbinder nichts mehr zusammen – der Held steht neben sich selbst, weil er ganz bei sich ist, ein armer Hund. Die Identifikation prallt ständig ab.

Elfriede Jelinek operiert mit Sprache in einer vergleichbaren Weise, das Genre ist keine zweite Natur, sondern eine besonders elaborierte Form von Kultur. In Herk Harveys "Carnival of Souls" (1962) überschreitet eine Frau die Schwelle, hinter der vermutlich keine Welt liegt. Wer in der Natur schon tot ist, lebt vor der Kamera (und in der Sprache) noch lange weiter. Daraus keinen Trost, aber viel Lust zu gewinnen, könnte die Devise für dieses Special Program sein. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2006)

  • "Cat People"
    foto: viennale

    "Cat People"

  • "Lost Highway"
    foto: viennale

    "Lost Highway"

  • "Liebe ist kälter als der Tod"
    foto: viennale

    "Liebe ist kälter als der Tod"

  • "Carnival of Souls"
    foto: viennale

    "Carnival of Souls"

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