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18. Oktober 2006, 20:52
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Süchtig nach Bildern und nach Kokain: Der US-Dokumentarfilm "TV Junkie" gewährt Einblicke in das umfassend aufgezeichnete, wechselvolle Leben eines obsessiven Dauerfilmers

"Ich habe alles gefilmt und alles ausprobiert." Der dies ins Objektiv seiner eigenen Kamera sagt, ist Rick Kirkham, US-TV-Reporter, und jener TV Junkie, der im Mittelpunkt des gleichnamigen US-Dokumentarfilms steht. Diesen haben die Filmemacher Michael Cain und Matt Radecki aus jenen mehr als 3000 Stunden Material zusammengestellt, das Kirkham selbst vor allem seit Anfang der 90er-Jahre aufgezeichnet hat (bereits als Jugendlicher war er ein fotografierender und filmender Chronist seines eigenen Lebens).

Der Film konzentriert sich auf einen Zeitraum, in dem zunächst alles in geordneten Bahnen verläuft. Kirkham ist erfolgreich, seine Verlobte schwanger. Bald wird geheiratet und der erste Sohn geboren. Aber das vermeintliche Glück wird von der Tatsache überschattet, dass der Familienvater eine zerstörerische Neigung pflegt: Neben Kirkhams Beziehung zu seiner Frau Tami und zu seinen beiden kleinen Söhnen steht sein Kampf gegen die Drogensucht im Zentrum des Films. Beide Ebenen interagieren zwangsläufig beziehungsweise finden sich in den Resultaten von Kirkhams Aufzeichnungswut buchstäblich aufgehoben.

Dauerbeobachtung

Die Kamera – offenbar häufig auf einem Stativ montiert – ist wie ein Familienmitglied im Haushalt der Kirkhams anwesend. Sie erfüllt zum Beispiel die Funktion, den von Berufs wegen häufig abwesenden Vater über die Entwicklungen zu Hause auf dem Laufenden zu halten. Darüber hinaus führt dieser offensichtlich auch stets mindestens ein weiteres Aufzeichnungsgerät mit sich. Die beiden Regisseure können deshalb in schönster Spielfilmmanier weit voneinander entfernt liegende Orte per Schuss-Gegenschuss-Montage verbinden.

Allmählich kommt die Sucht auch der beruflichen Karriere in die Quere: Kirkham verliert seinen Job, Gläubiger rufen an. Er geht nicht mehr ans Telefon, nicht mehr aus dem Haus, ist bald von Zwangsräumung bedroht und so beginnt auch die private Situation zu eskalieren.

"TV Junkie" erzählt diese Rise-and-Fall-Geschichte aus nächster Nähe. Und man weiß oft nicht, was beklemmender ist: das, was vor der Kamera vor sich geht. Oder doch der Umstand, dass die Kamera selbst dann noch weiterläuft, wenn die aufgelöste Tami im Hintergrund telefoniert und auf das Eintreffen der Polizei wartet, während ihr Ehemann vorne seinem weinenden Sohn die eigene Version jener Vorkommnisse schildert, die nun bald die Exekutive auf den Plan rufen werden.

Immerhin hat der Film dann doch eine Art von Happy-End. Kirkham zeigt sich geläutert, spricht vor Schülern über seinen Kampf gegen die Sucht. Ob die Tatsache, dass Aufnahmen aus dieser aktuellen Lebensphase nur noch spärlich in den Film Eingang gefunden haben, ein dramaturgischer Kniff ist, oder doch darauf verweist, dass der manische Filmer auch in dieser Hinsicht geläutert ist, wird man allerdings nicht erfahren. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2006)

19.10. 23.30, Urania
  • Hoppla – das bin ja ich! "TV Junkie" Rick Kirkham hat (noch) Spaß an Selbstbespiegelung.
    foto: viennale

    Hoppla – das bin ja ich! "TV Junkie" Rick Kirkham hat (noch) Spaß an Selbstbespiegelung.

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