"Es wird viele Gewinner und viele Verlierer geben"

30. November 2006, 14:33
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Womit ein Low-Cost-Carrier Geld verdient und warum sich Service-Qualität und Billigflieger nicht ausschließen, erzählt SkyEurope-Vorstand Christian Mandl

Das Headquarter der slowakischen Billigfluggesellschaft SkyEurope in Bratislava ist ganz in der Nähe des Flughafens angesiedelt. Auffällig: Fast ausschließlich junge Menschen arbeiten hier in dem eher unscheinbaren Bau. Es herrscht ein emsiges Kommen und Gehen, denn zum einen befindet sich hier am Stadtrand die operative Basis des Unternehmens, gleichzeitig ist ein internationales Callcenter im oberen Stockwerk angesiedelt, während auch die Crew hier ihre Räume zur Dienstvorbereitung oder zum Entspannen nützt.

Derzeit ist man auf der Suche nach einer neuen Location, die alte wird ob des rasanten Wachstums des Unternehmens (mittlerweile arbeiten beim dem Unternehmen insgesamt rund 900 Mitarbeiter) zu klein. Die an der Wiener Börse notierte Fluggesellschaft SkyEurope hat die im Oktober angekündigte Kapitalmaßnahmen im Volumen von 56,3 Mio. Euro abgeschlossen und bisher Verluste geschrieben. Analysten gehen vom Erreichen der Gewinnzone 2008 aus. Regina Bruckner hat SkyEurope-Vorstand Christian Mandl im Headquarter in Bratislava besucht.

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derStandard.at: SkyEurope feiert ja Geburtstag. Was wünschen Sie dem Geburtstagskind?

Christian Mandl: Ja, wir haben die Airline am 6. September 2001 gegründet, einige Tage vor dem 11. September. Das war ein schwieriges Umfeld für die Neugründung einer Airline. Wir haben uns mit der Flottenenerneuerung selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Mit der neuen 737 mit Ledersitzen und kerosinsparenden Winglets brauchen wir 12 Prozent weniger Treibstoff und die Wartung ist kostengünstiger. Fünf von sechszehn Flugzeugen sind jetzt schon fabriksneu.

derStandard.at: Das führt mich gleich zu der Frage: Wie wichtig ist der Ölpreis?

Mandl: Der Ölpreis ist wichtig wie für jede Fluglinie. Aber eine Low-Cost-Airline hat den Vorteil, dass sie effizienter ist. Bis jetzt wuchsen wir 100 Prozent pro Jahr, jetzt sollen es noch 30 Prozent sein. Dadurch können wir die Produktivität weiter verbessen, und teilweise die höheren Treibstoffpreise kompensieren. Nach der Kapitalerhöhung haben wir uns auch das Hedging der Treibstoffpreise gekauft.

derStandard.at: Womit verdient ein Low-Cost-Carrier Geld? Das Fliegen kann es ja nicht sein...

Mandl: Das Geschäftsmodell basiert auf höherer Produktivität. Wir fliegen mehr Stunden am Tag, bieten keine Verbindungsflüge, diese Ersparnisse können wir dann weitergeben. Das Preismodell ist stark vom Markt abhängig. Wenn wir leere Plätze haben, geben wir diese günstig weiter. Die Preise richten sich nach der Nachfrage.

derStandard.at: Profitabel sind Sie damit noch nicht.

Mandl: Wir fliegen jetzt schon 37 Destinationen in 19 Ländern an. Unsere Strategie lautet "Go East". Wir haben jetzt schon ein großes Netzwerk in den neuen Beitrittsländern Bulgarien und Rumänien und auch in Kroatien mit einem großen Wachstumpotenzial. Da könnten etwa noch die Ukraine oder Russland dazukommen. Aber man braucht eine kritische Masse, um effizient sein zu können. Dafür sind etwa vier Flugzeuge pro Basis nötig. (Anm.: SkyEurope hat derzeit fünf Basen in Bratislava, Prag, Budapest, Warschau und Krakau). Wir sehen auch Potenzial bei Geschäftsreisenden, weil wir auch zentrale Flughäfen anfliegen, z.B. Paris-Orly, das bieten andere nicht. Und das oft zweimal pro Tag. Bei uns funktioniert das ein bisschen à la carte. Ich kann im Internet eine Lounge buchen oder für einen Zuschlag von 5 Euro in den ersten Reihen sitzen oder gegen einen kleinen Aufpreis Café oder Snacks bestellen. Es gibt ja auch Geschäftsreisende oder Selbstständige, die Flüge selbst bezahlen müssen. Wer zwei bis drei Monate im Voraus bucht, bekommt die günstigsten Flüge, wer flexibler sein muss, zahlt etwas mehr.

derStandard.at: ...oder bekommt weniger Service.

Mandl: Die Philosphie der Low-Cost-Airline ist ja nicht geringe Servicequalität für die Fluggäste. Wenn man die traditionellen Fluglinien ansieht, so haben die ihr Service zum Teil schon sehr zurückgeschraubt. Die Servicequalität ist in Low-Cost-Airlines oft schon besser als bei traditionellen Fluglinien.

derStandard.at: Werden sich die Geschäftsmodelle von Low-Cost-Carriern und traditionellen Fluglinien annähern oder die beiden Kategorien überhaupt verschwinden?

Mandl: Es wird auch in Zukunft mehrere Modelle geben. Da gibt es etwa Anbieter, die nur Business-Class zwischen London und New York fliegen. Das halte ich auch für vielversprechend. Ein LowCost-Carrier wird keine Langstrecken anbieten, denn da brauche ich etwa Übernachtungsmöglichkeiten für die Crew und erreiche nicht dieselbe Effizienz. Das ist nicht unser Modell. Low-Cost-Airline heißt nicht schlechteres Service. Die Komplexität kostet Geld und ein wesentlicher Teil der Kosten entsteht am Boden.

derStandard.at: Ein Trendforscher meinte, in Zukunft gebe es zwei Gruppen: Menschen mit wenig Zeit und viel Geld sowie Personen mit viel Zeit und wenig Geld. Sehen Sie das bei Ihren Kunden auch?

Mandl: Die Fluggäste sind flexibler geworden. Die wollen nicht soviel Geld für Fliegen ausgeben, sondern vielleicht mehr für ein Hotel. Das ist ja wie beim Einkaufen. Da wird etwas beim Meinl am Graben eingekauft, aber auch in einem Supermarkt. An diese Flexibilität passen wir uns an.

derStandard.at: "In zwei Jahren müssen alle Passagiere, die sich ihre Bordkarte nicht am Automaten ziehen oder im Internet einchecken, eine Gebühr von 2,20 Euro pro Strecke zahlen", kündigte der britischen Billigflieger Flybe an, und Ryanair stellt offenbar ähnliche Überlegungen an. Wie schaut es bei SkyEurope aus? Planen Sie auch eine Gebühr für die Nutzung des Check-in-Schalters oder ähnliche Zuschläge einzuheben?

Mandl: Wir haben derzeit ein sehr transparentes Pricing. Keine Extragebühren für Gepäck, keine Wheelchair-Gebühr (Anm: Ryanair berechnet eine Gebühr für "Insurance and Wheelchair/Versicherung und Rollstuhl, sprich: Jeder Ryanair-Kunde zahlt eine Rollstuhlgebühr), nur eine Kreditkartengebühr und Treibstoffgebühren. Aber langfristig wird jeder Anbieter sich Dinge überlegen. Wenn der Passagier mitarbeitet, zahlt er weniger Gebühren. Das ist eine Entwicklung wie im Supermarkt. Früher musste man warten, bis man das Gewünschte bekommt, jetzt geht man bald zur Scannerkasse und erledigt alles selbst.

derStandard.at: Allerdings ist im Supermarkt nicht alles günstiger geworden.

Mandl: Da werden die Margen andere sein.

derStandard.at: Wie schätzen Sie den Markt generell ein?

Mandl: Langfristig werden die Low-Cost-Airlines mehr Marktanteil haben. Und es gibt Platz für neue Business-Modelle.

derStandard.at: Sie verfolgen sicher die Diskussion um die Eigenständigkeit der AUA und mögliche Partnerschaften. Braucht Österreich eine Fluglinie?

Mandl: Die AUA ist wichtig für den Standort Wien und fliegt viele Flüge. Andererseits gibt es einen freien Markt für die Luftfahrt. Es können aber auch andere Anbieter Wien anfliegen. Es wird immer Fluggesellschaften geben, die Marktlücken auffüllen, man sollte sich da keine zu großen Sorgen machen.

derStandard.at: A propros Partnerschaften: Wie sieht es da mit Ihren Zukunftsplänen aus?

Mandl: Im Moment sind wir unabhängig und arbeiten an der Positionierung als größte Low-Cost-Airline Zentral- und Osteuropas. Diesbezüglich gibt es keine konkreten Partnerschafts-Projekte. Wir sind stark gewachsen und werden das Wachstum jetzt stabilisieren. Wir müssen eine kritische Masse erreichen, damit wir profitabel sein können. Im Moment geht es um organisches Wachstum. Bis 2010 haben wir 32 Flieger in der Flotte. Akquisitionen sind aber nicht ausgeschlossen. Es gibt noch viel Konsolidierungsbedarf.

derStandard.at: Die Entscheidung in Sachen Flughafen Bratislava liegt ja nun schon ein bisschen zurück. Was halten Sie vom Beschluss der slowakischen Regierung, den Flughafen nicht zu verkaufen?

Mandl: Es kann und wird auch so Kooperationen zwischen Wien und Bratislava geben. Ich glaube, dass die Wiener zu viel Geld geboten haben und den Flughafen zu teuer gekauft hätten. Beide können gut nebeneinander bestehen. Wien als Hub für Ost- und Zentraleuropa und Bratislava zum Beispiel für Low-Cost-, Charter- und Cargoflüge oder Nachtflüge. Da gibt es in Bratislava weniger Probleme mit der Nachbarschaft. Der Flughafen ist 24 Stunden geöffnet. Die beiden Hauptstädte kommen sowieso nicht daran herum zu kooperieren. Die Autobahn kommt 2007, es gibt ein Schnellboot zwischen Wien und Bratislava.

derStandard.at: Sind Sie mit der Verkehrsanbindung zufrieden?

Mandl: Die Kapazitäten müssen noch den Verkehrsströmen angepasst werden. Das ist vor allem im Interesse der sehr exportorientierten österreichischen Wirtschaft. Gehen Sie hier in einen Supermarkt, Sie werden viele österreichische Produkte finden. Der Flughafen Bratislava bekommt derzeit ein neues Management, da wird zum Beispiel an eine direkte Anbindung zur Bahn gedacht. Unsere Gäste kommen bis jetzt hauptsächlich mit dem Shuttlebus. Da gibt es keine Schlangen, für zehn Euro kann man fahren und wir können die Gäste direkt empfangen.

derStandard.at: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, einen Low-Cost-Carrier zu gründen?

Mandl: Ich hatte verschiedene Projekte in Zentral- und Osteuropa koordiniert, dann habe ich meine Frau, eine Slowakin, kennengelernt und mir überlegt, was wäre eine gute Geschäftsidee? Nachdem die Slowakei nach der Trennung von Tschechien ohne eigene Fluggesellschaft dastand, dachte ich, das ist es, aber es muss anders sein, billiger als Wien.

derStandard.at: Gab es Überraschungen?

Mandl: Es war schwieriger als ich dachte, nach der 11.-September-Krise, denn ich hatte ja keine Erfahrung, nur einen Businessplan auf Papier. Es war damals schwierig, an Investorengelder zu kommen. Andererseits haben Krisen manchmal auch Positives. Es gab günstige Flugzeuge, viele Piloten, Slots an Flughäfen.

derStandard.at: Ist denn nun die Flugindustrie in der Krise?

Mandl: Es werden immer mehr Leute fliegen. Fliegen hat sich demokratisiert. Und die Flugindustrie ist eine Wachstumsindustrie, die schneller als die Wirtschaft wächst. Es wird dabei wohl viele Gewinner und viele Verlierer geben, und neue Airlines werden alte ersetzen. Wer hätte schon gedacht, dass eine Sabena oder eine Swissair Pleite gehen?

  • SkyEurope-Chef Christian Mandl in seinem Headquarter am Stadtrand von Bratislava.
    foto: bruckner

    SkyEurope-Chef Christian Mandl in seinem Headquarter am Stadtrand von Bratislava.

  • Die SkyEurope-Zentrale ist bereits zu klein, die Suche nach einer neuen Bleibe läuft.
    foto: bruckner

    Die SkyEurope-Zentrale ist bereits zu klein, die Suche nach einer neuen Bleibe läuft.

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