Gelangweilte Talente

2. März 2007, 12:04
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Hochbegabte Kinder brauchen gerechte Förderung - die sie im Unterricht allerdings nicht immer bekommen

Sie gelten als "intelligente Schulversager" und werden von der Bildungspolitik kaum beachtet. Dabei befinden sich in Österreich rund 180.000 SchülerInnen, die überdurchschnittlich begabt sind. Waltraud Rosner vom Begabtenzentrum in Salzburg sieht an den heimischen Schulen Nachholbedarf bei der Förderung besonders intelligenter Kinder.

Hochbegabt oder besonders begabt

Von Hochbegabung spricht man bei einem Intelligenzquotienten höher als 130. Nach Auskunft von Waltraud Rosner, der Direktorin des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung (özbf), sind pro Jahrgang zwei bis drei Prozent "hochbegabt". Bei der derzeitigen SchülerInnenzahl von 1,2 Millionen bedeute das, dass 30.000 Kinder in Österreich hochbegabt sind. Besonders begabte Kinder und Jugendliche, also Menschen mit einem IQ von 115 bis 130, kämen nach dieser Rechnung auf 150.000.

Erkennen lässt sich außergewöhnliche Begabung eines Kindes teilweise bereits im Frühkindesalter. Vor allem frühe Lesefähigkeit und ein großer Wortschatz können Hinweise darauf sein. "Nicht immer offenbart sich Hochbegabung durch gute Schulleistungen", informiert Rosner. Ob eine Hochbegabung vorliegt, ließe sich am besten durch eine psychologische Testung feststellen.

Unerkannte weibliche Talente

"Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es gleich viele hochbegabte Mädchen wie Jungen gibt", so Rosner. Auffallend sei aber, dass laut Studien nur ein Viertel aller hochbegabten Mädchen als solche identifiziert werden. Zur Beratungsstelle des özbf würden dreimal so viele Jungen als Mädchen kommen, weiß sie aus eigenen Erfahrungen zu berichten. Dieses Phänomen erklärt sich Rosner dadurch, dass Buben eher zu störendem Verhalten tendieren als Mädchen.

Dass Hochbegabte generell verhaltensauffälliger sind als andere Kinder, will Rosner nicht bestätigen. Der Großteil der Kinder würde sich sozial sehr gut integrieren und falle im Unterricht nicht außergewöhnlich auf. Das Problem liege allerdings darin, dass manche Kinder in der Schule nicht ausreichend gefordert werden, und sich aus Langeweile und Unterforderung bemerkbar machen. Demotivierte SchülerInnen, die ihre hohen Fähigkeiten nicht in guten Schulleistungen zeigen, werden als "Underachiever" bezeichnet.

Österreich lange Zeit vorne

Die Situation an den Schulen kann Rosner schwer abschätzen, da "viel von der Schulleitung und vom Engagement der LehrerInnen abhängt, inwieweit sie die Kinder fördern." Äußere Bedingungen wie Klassenschülerzahlen oder enge Gesetzesregelungen würden aber das Angebot von bestimmten Fördermethoden erschweren. "Österreich lag lange Zeit im Spitzenfeld hinsichtlich Begabtenförderung", zitiert die Direktorin eine europaweite Studie. Mittlerweile seien aber Länder wie z.B. Großbritannien und die Schweiz Spitzenreiter auf diesem Feld und auch einige neue EU-Länder im Vormarsch.

In der Grundausbildung werden angehende Lehrer laut Rosner kaum mit der Begabungs- und Begabtenförderung konfrontiert. Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich gibt es schon. Letztes Jahr hat die Donau-Uni Krems mit federführender Hilfe des ÖZBF den Masterlehrgang "Professional MSc Gifted Education" ins Leben gerufen, der seit diesem Jahr als Wahlfachmodul für den Lehrgang "Educational Leadership MSc" weitergeführt wird.

Fördern innerhalb und außerhalb des Unterrichts

Extracurriculare Methoden fördern die Kinder außerhalb des Unterrichts: Im Rahmen des Programmes "SchülerInnen an die Uni" besuchten im vergangenen Sommersemester 25 hochbegabte Jugendliche eine Uni, bereits vor Jahren wurden außerdem Sommerakademien ins Leben gerufen, die in allen Bundesländern zu verschiedenen Themen statt finden.

Im Unterricht könne man Hochbegabte unter anderem durch individuelles Arbeiten an selbst gewählten Projekten oder offene Lernformen fördern, schlägt Rosner vor. Als vorbildliches Beispiel nennt sie die Sir-Karl-Popper-Schule. Diese bietet unter anderem ein voruniversitäres Kurssystem in der 7. und 8. Klasse an. Ihr wichtigstes Anliegen ist die Individualisierung und innere Differenzierung des Unterrichts. Wenn nächstes Jahr die Pädagogischen Akademien auf Pädagogische Hochschulen umgestellt werden, erhofft sie sich, dass Begabtenförderung ein fixer Bestandteil des Studienplans wird. (lis/derStandard.at, 6. November 2006)

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    Mit konventionellen Lernmethoden sind überdurchschnittlich begabte Kinder oft unterfordert.

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