Online-Branche droht offenbar eine Pleitewelle

1. Juli 2000, 14:02

Rund ein Drittel der Neuen-Markt-Unternehmen könnte laut Studie in Finanznot geraten

Der gefeierten jungen Online-Branche droht offenbar eine regelrechte Pleiteweile. Wie das Hamburger Nachrichtenmagazin "Spiegel" am Samstag berichtete, sagen Experten den Unternehmen Finanznöte voraus, die einen Großteil der neuen Firmen innerhalb der nächsten Monate ausradieren könnte. In Deutschland werde nach einer unveröffentlichten Studie der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers 20 der 56 börsennotierten Internet-Firmen in den kommenden drei Jahren das Kapital ausgehen.

In ihrer Prognose gingen die Wirtschaftsprüfer zudem davon aus, dass die so genannte Burn Rate - die Zeit, in der das Kapital "verbrannt" sein dürfte - bei vier Unternehmen sogar nur noch sechs Monate betrage. Für die Studie seien drei Unternehmen aus dem Bereich Suchmaschinen, sieben Infrastruktur-Dienstleister, acht Multimedia-Agenturen, 17 E-Commerce-Anbieter und 20 Software-Unternehmen untersucht worden.

Hälfte der Software-Hersteller an der Kippe

Vor allem Software-Hersteller stehen demnach bald auf der Kippe. Neun der 20 börsennotierten Firmen dürften dem Bericht zufolge in den kommenden drei Jahren in Liquiditätsschwierigkeiten geraten - sofern sie nicht Kapital von außen erhielten. Ihnen machten der Vertriebsaufbau und die teure Erschließung neuer Märkte schwer zu schaffen.

Ähnlich könnte es den Finanzfachleuten zufolge reinen E-Commerce-Firmen gehen, also Anbietern von Online-Dienstleistungen für Verbraucher und Unternehmen, berichtet das Nachrichtenmagazin. Hier würden voraussichtlich bei acht von 17 Firmen binnen drei Jahren Finanzprobleme auftreten.

Gründerromantik ist vorbei

Wie in den 20er Jahren die Autoindustrie verliere auch das Internet rasch die Gründerromantik. Immer deutlicher stelle sich heraus, dass in der E-Economy weitaus härterer Wettbewerb herrsche, als in der traditionellen Wirtschaft. Für jedes Geschäftsmodell - ob Jobbörsen, Musikhandel oder Möbelversand - gebe es nur Platz für zwei, drei große Player.

Unternehmensberater von McKinsey erwarten laut "Spiegel", dass nur wenige unabhängige Online-Unternehmen jemals profitabel sein werden. Stattdessen könnten etablierte Konzerne wie etwa der Otto-Versand das neue Medium Gewinn bringend als zusätzlichen Absatzkanal nutzen. Dennoch mangele es der jungen Branche nicht an Chancen: Das weltweite Online-Konsumgeschäft werde nach Ansicht des Analysten Henry Blodget von der US-Investmentbank Merill Lynch von 45 Milliarden Dollar (50,3 Mrd. Euro/692 Mrd. S) im vergangenen Jahr auf 600 Milliarden Dollar im Jahr 2005 steigen - "trotz Pleitewelle und Börsenkater". (APA/AP)

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