Rauchverbote: Die große Stunde der kleinen Diktatoren

23. Oktober 2006, 11:14
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Ist es wirklich sinnvoll, von einer künftigen Regierung schärfere Anti-Raucher-Gesetze einzufordern? - Eine Erwiderung auf Hans Rauscher

Bestürzt über die Gefahren des aktiven wie passiven Rauchens, hat Hans Rauscher in seiner Kolumne vom 11. Oktober im Standard, wie viele andere derzeit auch, gefordert, dass "eine neue Regierung die bisherige Feigheit verlassen und ein Rauchverbot in Gaststätten" durchsetzen müsse.

Freilich ist schon Rauschers furchtsame Einschätzung der Gefahr alles andere als evident. So hätte ihm zum Beispiel der antike Philosoph Epiktet zu bedenken gegeben, dass ein reales Übel immer erst dann zu einem Unglück wird, wenn man zu ihm noch die Einbildung hinzufügt. Gefahren kann man erkennen, aber wie sehr man sich vor ihnen fürchtet, ist eine ganz andere Frage bzw. Entscheidung - und auch Gefahrenquelle.

Erstens Wellen, zweitens Angst

Als auf einer Seereise Sturm aufkam und die Matrosen, anstatt zu rudern, vor Angst erstarrt das aufgewühlte Meer anblickten, rief der Passagier Epiktet ihnen zu: "Ihr habt Furcht vor dem Sturm. Als ob ihr das ganze Meer schlucken solltet. Zwei Liter Wasser genügen, um jeden von euch ertrinken zu lassen!" - Nicht die Wellen alleine, sondern vor allem die Angst vor ihnen hatte das Schiff in Gefahr gebracht.

Ebenso könnte es auch sein, dass die derzeitige Angstpropaganda in Form der obligaten Trauerränder und Warnungen auf den Zigarettenpackungen die Menschen mindestens gleichermaßen schädigt und krank macht wie das Rauchen selbst.

Ja, das Rauchen mag tatsächlich alles andere als gesund sein. Aber wir sind nicht die Ersten, die das wissen. Wir sind nur die Ersten, die sich panisch davor fürchten. Ein Epiktet hätte angesichts dieser Panikstarre vielleicht vorgeschlagen, auf die Zigarettenpackungen einen Text wie den folgenden drucken zu lassen: "Na, jetzt macht euch mal nicht in die Hosen. Auch wenn ihr nicht aktiv oder passiv raucht, habt ihr gute Chancen, an Lungenkrebs zu sterben - wenn euch nicht vorher schon ein Verkehrsunfall wegräumt. Doch tröstet euch: Spätestens in 100 Jahren seid ihr ohnehin alle tot."

Der freie Markt

Aber ganz ungeachtet der verschiedenen möglichen Einschätzungen dieser Gefahren und der unterschiedlichen Arten des Umgangs damit bleibt die entscheidende Frage: Wieso soll eigentlich der Staat dazu herhalten, gegen das Rauchen einzuschreiten? Warum muss das über Verbote geregelt werden? Wenn die Widersacher der Tabakkultur so zahlreich sind, wie sie meinen, dann können sie die Sache doch getrost - wie so vieles andere - dem freien Markt überlassen.

Wenn die Nachfrage tatsächlich so groß ist, werden sich doch bestimmt Unternehmer finden, die den Lungenpuristen die rauchfreien oder mit Nichtraucherzonen ausgestatteten Restaurants und Cafés bieten, nach denen sie sich sehnen. Das könnte sich doch völlig von selbst regulieren: Dann gäbe es eben Lokale, in denen sich die Raucher treffen, und andere, welche die Nichtraucher lieber frequentieren.

Und wenn das nicht genügen sollte, dann könnte der Staat, sofern dies tatsächlich in seinem Interesse läge (was allerdings nicht sicher ist, da die Raucher, die ja angeblich so früh sterben, dadurch immerhin die Pensionskassen massiv entlasten), die Entstehung solcher Orte ja noch mit Förderungen unterstützen. Aber warum in aller Welt soll er das Rauchen generell verbieten?

Hier zeigt sich eine der erstaunlichen Seiten neoliberaler Politik: Neoliberale Deregulierung erfordert immer zugleich auch massive Regulierung. Meistens sind es sogar genau dieselben Leute, die auf der einen Seite nach Liberalisierung und freiem Markt rufen und auf einer anderen nach einem regulierenden Eingriff des Staates.

Alibis

Und dieser Ruf wird von jenen Politikern, die sich ihrer zunehmenden Ohnmacht und Willfährigkeit gegenüber dem globalen Kapital gegenüber ein wenig schämen, besonders gerne aufgenommen (an sie richten sich darum solche Appelle wie der von Hans Rauscher bevorzugt) - sogar noch lieber als von den Politikern, die eine solche Politik gleich ganz offen und ohne jeden Genierer betreiben (denn die brauchen derartige Alibis nicht in derselben Weise). Darum finden sich unter den heftigsten Rauchverbietern in Europa bemerkenswert viele sozialdemokratische Regierungen bzw. solche, die sich so nennen.

Auf diesem Weg kommt dann genau das zustande, was man als neoliberale Pseudopolitik bezeichnen kann: Die Pseudopolitik erzeugt immer ein kleines bisschen saubere, repressive, heile Welt inmitten eines im Ganzen mehr und mehr unangetastet gelassenen Unheils. Eine Politik, die ihre entscheidenden Aufgaben verabsäumt, wird plötzlich auf einem Nebenschauplatz hyperaktiv - um wenigstens so zu tun, als würde sie etwas tun.

Was macht krank?

Klarerweise ist das eine Farce: Schließlich ist es doch nicht das Rauchen, das die Leute krank macht; Armut, und Aussichtslosigkeit machen sehr viel mehr Menschen weitaus kranker. Die begründeten Ängste der Bevölkerungen - zum Beispiel vor dem Verlust von sozialer Sicherheit, des Zugangs zu Infrastruktur, Bildung und Chancen, der Pressefreiheit etc. - werden jedoch durch die Panikmache gegen das Rauchen bequem auf einen unbedeutenden Sündenbock abgelenkt und entpolitisiert.

Zugleich wird der Staat, der eigentlich ganz andere Aufgaben hätte - nämlich Dinge zu ermöglichen, anstatt bloß welche zu verbieten - auf die Rolle einer repressiven Verbotsinstanz zurechtgestutzt.

Und es gibt noch einen weiteren "Kollateralnutzen": Man kann damit auch ausprobieren, wie viel sich die Bevölkerungen eigentlich wegnehmen lässt, ohne aufzubegehren. (Diese beiden Vorteile machen die Sache wiederum besonders für rechtsextreme Regierungen wie jene von Silvio Berlusconi interessant.)

Die in vielen europäischen Ländern im Vormarsch befindlichen staatlichen Rauchverbote bilden diesbezüglich wohl nur die ersten Testläufe und Vorboten einer Tendenz, die, wie der Philosoph Peter Sloterdijk vor Kurzem bemerkte, auf die Errichtung einer "postdemokratischen Verbotsgesellschaft" zielt.

Rebellisches Ritual

An diesem Punkt ist der Angriff gegen das Rauchen allerdings tatsächlich nicht unbegründet: denn das Rauchen gehört zu den rebellischen Ritualen der Adoleszenz. Darin wird meist erstmals gezielt gegen den Rat der Eltern und Autoritäten verstoßen; es wird Ungehorsam geübt, und das Nachdenken über eigene, selbst entwickelte Grundsätze in rauchenden Diskussionsrunden erprobt. Aus dieser nachdenklichen Unbeugsamkeit rührt der Mythos des Rauchens her, wie er in den Ikonografien von Bacall, Bogart, Sartre, Barthes oder Althusser Niederschlag gefunden hat.

Und diese intellektuelle, mondäne und gesellige Seite macht den Tabakkonsum zu einem so attraktiven Kulturelement: Das Rauchen bildet die Miniatur einer Welt, in der die Leute immer wieder einen Moment lang innehalten und Gruppen bilden, um über entscheidende Fragen des Lebens nachzudenken und nicht alle Zumutungen sofort und widerstandslos hinzunehmen. (Ein Kommentar der anderen von Robert Pfaller, DER STANDARD Printausgabe, 18.10.2006)

Zum Autor
Robert Pfaller ist Professor für Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz. Zuletzt wurde von ihm der Band "Schluss mit der Komödie! Über die schleichende Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur" (Sonderzahl Wien, 2005) herausgegeben
Nachlese
RAU: Mitrauchgenuss
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