Gold in den Köpfen

18. Oktober 2006, 11:21
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Das Fehlen von Geld und Pragmatismus bremsen die Zukunftsvisionen der österreichischen IT-Forschung

Mangels Sprachkenntnissen muss niemand mehr in einem Restaurant verhungern. Ein Endgerät mit dem System "Compass 2008" bietet Abhilfe gegen Ratlosigkeit angesichts von Fremdsprachen. Der Helfer führt nicht bloß zum nächsten Restaurant mit bevorzugten Speisen. Ein "Smart Dining Service" hilft bei der Kommunikation mit dem Personal: Diese integrierte Funktion kann sogar nach einem Tisch fragen und dann das gewählte Gericht ordern.

Der digitale Begleiter, den das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST mit Partnern entwickelt hat, soll das Leben im Dschungel fremder Schriftzeichen erleichtern. Die Anwendung für PDA oder Smartphone erkennt automatisch Situation, Ort, Zeit und das Profil des Reisenden und ist in mehreren Sprachen verfügbar.

In den globalen Denkwerkstätten arbeiten Wissenschafter an der Zukunft einer IT-Welt, die fast täglich vor neuen Herausforderungen steht. "Höher, schneller, weiter", könnte dabei die Devise lauten. Denn die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche schreitet voran. Forschung muss daher nicht nur Schritt halten, sondern sogar noch einen Schritt voraus sein.

"Die bestimmenden technologischen Trends werden Miniaturisierung, Preisverfall und Leistungszunahme bei Chips sowie die drahtlose Kommunikation sein. Sie bilden eine Grundlage für neue Produkte und Funktionen eines explodierenden IT-Dienstleistungssektors", bestätigt Erich Prem, Geschäftsführer von Eutema Technology Management.

Auf der Suche nach Innovationen für die nächsten Jahrzehnte liefern Spezialisten Ideen wie Pervasive Computing: Rechner werden in Alltagsobjekte integriert und sind überall und unsichtbar. "Die Technologie steht nicht mehr im Weg. Oberflächen, egal ob Türe oder Kaffeemaschine, werden damit interaktiv", verkündet Hiroshi Ishii, Leiter der Tangible Media Group am Massachusetts Institute of Technology. Die Arbeitswelt könnte sich verwandeln: Manager kommen ohne Notebook ins Büro, sitzen am so genannten "Sensetable" und modellieren mit dem "Tangible Business Process Analyzer" wichtige Unternehmensprozesse, die als animierte Simulation ablaufen.

Embedded Systems

Ein weiteres Thema sind Embedded Systems. "Eingebettete" Hard- und Software, die Geräte und Maschinen lenkt, stimuliert viele Fantasien - etwa im Bereich der Automobilindustrie. Prem: "Den Markt nachhaltig verändern könnten modulare Konzepte, bei denen nicht jedes Gerät den eigenen Rechner mitbringt, sondern wo etwa das Multimediasystem auch Fenster oder Bremsen steuert. Dazu bedarf es revolutionä- rer Komponenten-Technologie, damit Software verschiedener Hersteller auf den unterschiedlichen Fahrzeugteilen sicher laufen kann."

Doch Innovation scheint in Europa und letztlich auch in Österreich nicht immer ganz leicht durchsetzbar zu sein.

Von diversen Ausnahmen abgesehen, scheint Pragmatismus die Szene zu beherrschen. "Im Gegensatz zu den USA sind europäische und damit auch österreichische IT-Unternehmen oft noch zu wenig visionär. Sie müssten mehr Regeln brechen, sich in ,strategischer Vergesslichkeit' üben", fordert hier Andreas Reiter, Chef des Wiener ZTB Zukunftsbüro. Er ortet weiters monetäre Probleme: "Die Forschung braucht mehr Geld, um das Gold in den Köpfen zu heben. Ein strukturelles Defizit ist die schwache VentureCapital-Szene, die kühne Projekte ermöglicht."

Prem sieht jedoch Grund zur Hoffnung: "Es sind vor allem die Großen, die in Österreich echte Forschung betreiben. Da wir nicht viele große Betriebe haben, ergibt sich eine Lücke. Doch es finden sich jetzt immer häufiger Kleinunternehmen, die forschungslastig sind. Zusätzlich ist auch ein Trend zu Unternehmen festzustellen, die überhaupt nur noch ,Intellectual Property' im Auftrag anderer Auftraggeber produzieren."

Die Zukunft sollte Überraschungen aller Art bereithalten - wie etwa in Sachen Robotik, einem Hoffnungsträger der Forschung. Technologiemanager Prem: "Hier sind spezielle Systeme für Transport, Bauwesen, Haushalt, Überwachung und Landwirtschaft zu erwarten. Auch computergesteuerte Prothesen, bildgebende oder verschluckbare behandelnde Kapseln sowie Roboter-Chirurgen werden in 30 bis 40 Jahren niemanden mehr aufregen." (Christian Prenger/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2006)

  • Die österreichische IT-Forschung - hier bei AT&S - beschäftigt sich mehr mit der Gegenwart als mit einer Zukunftsvision. Experten hoffen, dass sich das bald ändert.
    foto: der standard/at&s

    Die österreichische IT-Forschung - hier bei AT&S - beschäftigt sich mehr mit der Gegenwart als mit einer Zukunftsvision. Experten hoffen, dass sich das bald ändert.

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