Suche nach dem Selbstbewusstsein

18. Oktober 2006, 11:20
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Wiener Forscher ergründen Prozess der Individualisierung

Ein wesentlicher Teil unseres Selbstverständnisses beruht auf dem Ich-Bewusstsein, dem Wissen, ein eigenständiges Individuum zu sein, das sich von anderen seiner Art unterscheidet. So alt dieses Wissen ist, so unterschiedlich wurde es interpretiert: Lange war es ein allein dem Menschen vorbehaltenes, gottgegebenes Gut, doch Dank naturwissenschaftlicher Forschung wurde klar, dass es - wie alle kognitiven Leistungen - nicht vom Himmel fiel.

Die heutige Naturwissenschaft geht davon aus, dass jede Art von Bewusstsein eine Hirnfunktion darstellt, doch da unser Gehirn extrem komplex ist, ist bisher weit gehend ungeklärt, auf welchen neurophysiologischen Prozessen das Selbstbewusstsein beruht. Unterstützt vom FWF haben Forscher der Complex Systems Research Group an der Medizinuni Wien nun einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung des Phänomens geleistet.

Unter Leitung von Stefan Thurner und mit Versuchsanordnungen des Neurobiologen Peter Walla gelang es, spezifische Gehirnaktivitäten in Zusammenhang mit Ich-Bewusstsein darzustellen. Die Wissenschafter arbeiteten dabei mit einem sprachlichen Ansatz, bei dem Probanden visuell und akustisch mit einer Reihe von Hauptwörtern konfrontiert wurden, denen "mein", "dein/sein/ihr" oder "ein" vorausgestellt wurde.

Drei bildgebende Verfahren der Hirnforschung kamen zum Einsatz, um jeweilige Reaktionen zu prüfen: EEG, Magnetenzephalografie, funktionelle Magnetresonanztomografie. Die beiden ersten erlauben hohe zeitliche Auflösung der Hirnreaktionen, während die letzte genaue Lokalisation des Geschehens ermöglicht.

Unterschiedliche Aktivitätssteigerungen

Wie sich zeigte, bewirken die sprachlichen Reize unterschiedliche Aktivitätssteigerungen in unterschiedlichen Hirnarealen: eine zwischen 200 und 400 Millisekunden nach der Präsentation des Reizes in der Hinterkopf-Region und eine zweite etwas später, zwischen 500 und 800 Millisekunden nach dem Stimulus, in der linken Schläfe. Die Forscher halten es für möglich, dass die zeitlich frühere Reaktion für die Entscheidung verantwortlich ist, ob Personen involviert sind, oder ob es sich um eine neutrale Situation handelt ("sein" versus "ein"), während die spätere zwischen eigener Betroffenheit und anderer Person unterscheidet ("mein" versus "sein/dein").

Damit ist ein erster wichtiger Schritt dazu getan, zu erforschen, wann, wo und wie unser Gehirn Selbstbewusstsein erzeugen kann. (strn/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2006)

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