Mozart-Show mit Turbo-Ton

17. Oktober 2006, 19:28
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Anne-Sophie Mutter im Musikverein

Wien - Kaum jemand hat die Klassikszene so zu polarisieren vermocht wie Anne-Sophie Mutter. Dass sich an Kunst die Geister scheiden, ist oft ein Indiz für ihre Bedeutung, in Zeiten kulturindustrieller Globalisierung wohl auch schlicht für die Präsenz eines Phänomens, das man begeistert begrüßen oder von dem man sich indigniert abwenden kann. So wird in Internetforen über die Geigerin heftig debattiert, zuletzt darüber, dass sie sich bei "Wetten dass &?" für ein Mozart-Playback hergegeben habe.

Dies führt bereits Mitten in die Frage, inwieweit Vermarktung unbestrittene künstlerische Leistungen überdecken, diskreditieren kann. Die Ebenen Kunst und Markt zu trennen fällt allerdings schwer, hat Mutter doch ihr Äußeres konsequent als Kapital eingesetzt - beileibe nicht als einzige Künstlerin der Klassikwelt. Doch als eine der ersten.

So ziert sie sexy ein bei der DG pünktlich zum Jubiläum erschienenes "Mozart Project" mit Sonaten, Konzerten und Trios, während sie die dazugehörige Welttournee in denselben Designerroben bestreitet, in denen sie auf den Covers posiert. Perfekt durchgestylt ist aber nicht nur die aktuelle Werbekampagne, als deren Teil die Konzerte nach Pop-Manier wirken, sondern auch jedes Detail ihrer Auftritte.

In den ersten beiden von drei Konzerten mit Violinsonaten demonstrierte sie unter anderem eine umfassende Kontrolle über jede noch so kleine körpersprachliche Bewegung, die bereits auf dieser Ebene kaum kammermusikalische Partnerschaft mit dem braven Lambert Orkis am Flügel aufkommen ließ. Denn ihr auftrumpfender solistischer Habitus blieb auch bei noch so nebensächlichen Passagen erhalten und ließ etwa die Klavier-Solo-Variation von KV 305 wie ein sinnloses Kuriosum erscheinen. Darüber hinaus wirkte sich die ständige physische Spannung unmittelbar auf den Klang aus.

So waren am Sonntag immer wieder Ungenauigkeiten in der Intonation, am Montag hohe Quietscher zu hören, wenn aufgrund zu geringen Drucks auf die Saite ungewollte Flageoletts durchkamen. Auch wenn sich Mutter, in den Klangfarben beeindruckend wandelbar, Spielweisen der Originalklangbewegung zueigen gemacht hat, bilden die souveränen Klangverfärbungen nur weitere Effekte unter vielen, haben sonst keine gestalterische Konsequenz.

Ansonsten lässt ihr Turbo-Ton mit brahmsischer Sonorität und üppigem Vibrato, das ästhetisch irgendwo zwischen dem späten 19. Jahrhundert und Mentor Karajan angesiedelt ist, viele Mozart'sche Feinheiten unter den Tisch fallen. Hier assistierte Orkis mit brillant perlender Einförmigkeit adäquat. Alles lief am hochvirtuosen Schnürchen unter dem Schein der Perfektion, und nur für Momente der Unmittelbarkeit - Kadenz von KV 377 - verließen sie den Pfad des allzu Eingespielten. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2006)

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