Strategien gegen den Verfall des Digitalen

18. Oktober 2006, 11:17
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Technologie-Entwickler Robert Hecht im STANDARD-Interview über die rasche Alterung digitalisierter Kulturgüter

STANDARD: Viele Bibliotheken, Museen und Archive haben bereits begonnen ihre Bestände zu digitalisieren. Eine Mammutaufgabe - auch in der Österreichischen Nationalbibliothek. Sind die Folianten so für die Ewigkeit konserviert?

Hecht: Leider nein. Es dauert nur zwei bis zehn Jahre, bis auch digitale Daten veralten. Eine Studie der EU-Kommission ergab, dass - ohne entsprechende Gegenmaßnahmen - in der Europäischen Union digitale Dokumente im Wert von drei Milliarden Euro jedes Jahr unbrauchbar werden.

STANDARD: Was muss zum Schutz vor dem Zahn der Zeit getan werden?

Hecht: Bücher in der Wiener Bibliothek direkt anzusehen ist wunderbar: Sie können gelesen und verstanden werden, wenn die Sprache bekannt ist. Einmal übersetzt in digitale Daten, können die Werke weltweit verfügbar gemacht werden. Es muss aber auch mit vertretbarem Aufwand dafür gesorgt werden, dass digitalisiertes Kulturgut lesbar bleibt. Die Datenträger haben sich schon von Buch, zu Diskette oder DVD verändert. Digitale Daten müssen ebenfalls à jour gehalten und von einem alten Format in ein aktuelles überführt werden.

STANDARD: Bei Hardware, wie Videobändern, müsste man immer das Medium und das passende Abspielgerät aufheben. Wie funktioniert das bei Software und digitalen Daten?

Hecht: Man unterscheidet hier zwischen Migration, also dem Überspielen von einem Datenformat in ein anderes, und Emulation. Hier simuliert ein Stück Software etwa ein älteres Betriebssystem und macht alte Daten lesbar. Man kann heute die alten, schlecht aufgelösten Computerspiele wie Pacman am neuen PC spielen.

STANDARD: Wie können Kulturinstitutionen mit ganz anderen Aufgaben diese technischen Notwendigkeiten im Blick behalten?

Hecht: Im Rahmen des EU-Forschungsprojekt PLANETS entwickeln wir im Research Studio eine Software, die bei der Verwaltung und Durchführung der Aktualisierungen hilft. Wir schreiben ein leicht zu bedienendes Programm, dass, wie der Polier auf einer Baustelle, die passenden Handwerker benachrichtigt und zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle zur Arbeit schickt. (aku/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2006)

Zur Person
Robert Hecht (43), Projektleiter BRICKS am Research Studio Digital Memory Engineering, studierte Theoretische Chemie, programmiert und hat eine Schwäche für Philologie.
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