Erbe auf Chips

18. Oktober 2006, 11:17
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Wer alte Bücher oder Tonscherben entdeckt, kann diese Fundstücke bald mit digitalen Archiven berühmter Sammlungen im Web vergleichen

Wer alte Bücher oder Tonscherben entdeckt, kann diese Fundstücke bald mit digitalen Archiven berühmter Sammlungen im Web vergleichen. Das Research Studio Digital Memory Engineering (DME) entwickelt Software-Bausteine, mit denen Kulturinstitutionen ihre Datenbanken vernetzen können.

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Wissen war lange zwischen Buchdeckeln gefangen und hinter den Mauern von Museen schlummert mehr Info, als im Netz verfügbar ist", betont Rüdiger Wischenbart, Berater für Kultur und Kommunikation sowie ehemaliger Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse. Digitalisierung ist für ihn der Leisten, über den Information geschlagen werden kann, um besser verteilt zu werden.

Die Österreichische Nationalbibliothek überführt schon seit Mitte 2001 analoge Kulturgüter und Wissensspeicher in das digitale Zeitalter. Der Bestandskatalog aus den Anfängen des Buchdrucks bis zur Gegenwart ist bereits online zugänglich, eine Pionierleistung in Europa. Das EU-Projekt BRICKS (Building Resources for Integrated Cultural Knowledge Services) unterstützt den nächsten Schritt: die Vernetzung der digitalen Datenbanken im Kulturbereich.

Das Wiener Research Studio Digital Memory Engineering (DME), technischer Partner in dem 12,2-Millionen Euro-Projekt, entwickelt Software, "die eine größer werdende Flut digitaler Daten verwaltbar, zugreifbar und durchsuchbar macht", fasst Robert Hecht das Arbeitsgebiet zusammen. Eine wesentliche Innovation von BRICKS ist, dass beteiligte Bibliotheken, Archive, Museen und Universitäten nicht die Kontrolle über ihr digitalisiertes Wissenskapital verlieren. "Jeder Partner kann bestimmen, welche Inhalte er im Netzwerk zur Verfügung stellt", beruhigt der Projektleiter. Die Daten verbleiben bei den Einrichtungen und können dennoch mit einem Mausklick gemeinsam durchsucht werden.

Um eigenverantwortlich einen Knoten in dem "Netzwerk ohne Zentrale" zu betreiben, brauchen die Kulturpartner nur Computer und Internetanschluss. Die Software ist Open Source, plattformneutral und kostenlos. Die Entwicklung des Research Studio DME besteht aus einfachen Bausteinen, für Funktionen wie Verwaltung oder Suche, die zu komplexeren Anwendungen zusammengesteckt und erweitert werden können.

70 Kulturpartner

Seit 2004 läuft die Anwerbung von Kulturpartnern, um rasch eine "kritische und attraktive Masse" aufzubauen - rund 70 konnten bisher gewonnen werden. Getestet wird die Software mit wenigen Knotenpunkten, "denn die Frustrationsschwelle ist bei den Institutionen geringer als bei Entwicklern", schmunzelt Hecht.

Wenn Import, Verwaltung und Vernetzung reibungslos funktionieren, werden weitere Datenbanken angeschlossen. "BRICKS bietet Zugriff auf verwandte Daten aus verschiedenen Quellen, die erstmals mit einem statt zig Formularen abgefragt werden können", jubelt Hecht. Geisteswissenschafter werden auch ihre Freude haben, vermutet er, denn sie sind oft auf der Suche nach weit verstreuten Unikaten. Die Benutzeroberfläche bleibt simpel, ist aber "komplexer als Google", so der Softwarespezialist.

In den digitalen Datenbanken kann absichtslos gestöbert, gezielt gesucht und sinnvoll gesammelt werden. Registrierte Benutzer können Ordner anlegen, in denen sie ihre Fundstücke abspeichern können. Beteiligung der virtuellen Besucher ist beim Bildarchiv der Nationalbibliothek erwünscht, denn so werden auch Informationen gesammelt: die zweite Hälfte eines zerrissenen Bildes etwa oder unbekannte Personen, die sich als Großonkel eines Users herausstellen.

Für das britische "Museums, Libraries and Archives Council" (MLA) haben die Programmierer aus Wien eine eigene Anwendung entwickelt: Englische Hobbyarchäologen können per Browser, beim Umgraben im Gemüsegarten entdeckte Münzen, mit den umfangreichen Sammlungen der Mitglieder des Dachverbands MLA vergleichen. Mit den Antworten auf vier einfache Fragen nach Material, Größe, abgebildetem Kopf und Epoche sucht BRICKS nach vergleichbaren Objekten samt Foto.

Fundstellen werden - wenn gewünscht - auf einer virtuellen Landkarte angezeigt. "Wenn das Publikum in Gang kommt, bildet sich rasch eine lebendige Community, die nicht nur aus Experten besteht", prognostiziert Rüdiger Wischenbart die offenen BRICKS-Anwendungen. Bei der internationalen Tagung "Kulturelles Erbe und Neue Technologien" von 18. bis 20. Oktober im Wiener Rathaus, wird potenziellen Nutzern eine Demoversion vorgestellt. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2006)

Link
www.researchstudio.at

Buch auf Bestellung
Apropos Digitalisierung von Kulturschätzen: Die Bibliothek der Universität Innsbruck koordiniert mithilfe des Technologietransfer-Zentrums Trans-IT ein europäisches Netzwerk für die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen.

Was als Pilotprojekt 2004 begann, wird seit Anfang Oktober auf drei Jahre von der EU finanziert. "Digital on Demand" (DoD) ist "eine Serviceleistung und ein Beitrag zur langfristigen Archivierung", freut sich Günter Mühlberger, Leiter der zuständigen Abteilung. Vergriffene Bücher und solche, für die das Urheberrecht abgelaufen ist, werden auf Wunsch gescannt und als E-book ausgeliefert, nicht mehr geschützte Werke gleichzeitig in Austrian Literature Online eingespielt.

Zwei Drittel der Aufträge kommen aus dem Ausland, zum Beispiel aus Japan. "Books to E-books" dauert eine Woche und kostet 30 Euro für ca. 250 Seiten. Partner des Projekts sind bisher die Bibliotheken der Unis Wien und Graz, vier weitere in Deutschland und je eine in Estland, der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Dänemark und Portugal. (aku)

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    Ein gedrucktes Blatt Papier digitalisieren heißt nicht, dass es für immer gesichert ist. Auch digitale Daten veralten – binnen zwei bis zehn Jahren.

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