Freud'sche Hirnforschung

17. Oktober 2006, 19:10
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ÖAW unternahm Brückenschlag zwischen Analyse und Neurologie

Wien - Der Analytiker August Ruhs bezeichnete Psychoanalyse als "kleines Kind und alte Dame". Dem Kind haben Akademie der Wissenschaften und Fakultät für Philosophie der Uni Wien Dienstag mit einem Freud Memorial Meeting Aufmerksamkeit geschenkt.

International schauen Kollegen aus den Neuro- und Kognitionswissenschaften längst auf eine Anbindung an gegenwärtige Formen der Psychoanalyse. Solche Interdisziplinarität setzt voraus, Psychoanalyse als Wissenschaft zu betreiben. Nicht jeder teilt diese Ansicht. Bereits Jacques Lacan stand ihr - die Möglichkeit von Objektivität bezweifelnd - skeptisch gegenüber.

Heute sind empirische Methoden in der Hirnforschung (dank Positronen-Emissions- und Magnetresonanz-Tomografie), wie ÖAW-Präsident Peter Schuster darlegte, aber ausgefeilt, und bekanntlich sind es empirisch Forschende, die Vorbehalte gegen Kollegen aus der Geisteswissenschaft hegen. Bereits Wittgenstein sprach sich gegen eine kontaminierte, auf Objektivität verzichtende Psychoanalyse aus.

Der Wiener Philosoph Peter Kampits wies andererseits auf Freuds metaphysikkritische Haltung philosophischer Tradition gegenüber hin. Freud fühlte sich bei der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten vielmehr dem Außenseiter Nietzsche nahe. Kampits betonte auch Freuds Beeinflussung der Philosophie post mortem, so dass dem Psychoanalyse-Vater einmal mehr neben dem psychologischen auch ein geistesgeschichtlich hoher Stellenwert beizumessen ist.

Schuster legte seinen Fingerzeig auf das zeitgemäße, höchst interessante Paradigma des Holismus: Heute öffnet sich die Neurochemie der Psychologie und Philosophie. Denn Bewusstseinsphänome entstehen durch die Aktivität von Neuronenverbänden, die ganz unterschiedliche Muster zeitigen und nur ganzheitlich betrachtet Geist generieren. Interpretationen gemessener Daten geben Anlass, sich psychologischen Ansätzen zu- statt abzuwenden.

Wissenschaftstheoretiker wie Neurologe Martin Kurthen oder Analytikerin und Philosophin Patrizia Giampieri-Deutsch wiederum benutzen Psychoanalyse als Brückenstein, um die "orthodoxe" Kognitionswissenschaft, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts den menschlichen Geist wie einen programmierbaren Computer behandelte, von metaphysischem Ballast zu befreien, Freud als Wissenschafter stark zu machen. Dies geschieht im Ansinnen, den klinischen und den wissenschaftlichen Aspekt fein zu trennen und andererseits zu schauen, wo Therapieformen durch empirische Erkenntnisse verbessert werden können. (Marietta Böning/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2007)

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