Ungarn-Aufstand 1956: Fest in Wien, Streit in Budapest

18. Oktober 2006, 10:09
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Politiker gedenken der Revolution - Orbán warnt vor Sicherheitsrisiken in Ungarn

Wien - In Ungarn ruft die oppositionelle Fidesz täglich zu Demonstrationen gegen den "Lügenpremier" Ferenc Gyurcsány auf. Den Sitzungssaal im Parlament verlassen die Fidesz-Abgeordneten, sobald sich der Premier auch nur zu Wort meldet. Und die Umfragewerte der Regierung sind, seitdem bekannt wurde, dass Gyurcsány sich bei einer Rede vor seinen sozialistischen Fraktionskollegen als Lügner geoutet hat, schlecht wie nie.

Da kam die Auszeit am Dienstagabend nur gelegen: Gemeinsam gedachten die österreichische und ungarische Regierung bei einem Festakt im Austria Center Vienna dem Ungarnaufstand vor 50 Jahren. Die halbe Budapester Regierung und Staatspräsident Lászlo Sólyom rückten zu der Feier nach Wien an.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Bundespräsident Heinz Fischer zählten zu den österreichische Gedenkrednern bei dem von Standard-Kolumnist Paul Lendvai moderierten Abend.

Der Aufstand hatte am 23. Oktober 1956 mit Studentenprotesten in Budapest begonnen. Schon am Abend gab es erste Kämpfe. Der erst 1955 von den Stalinisten abgesetzte Premier Imre Nagy wurde erneut zum Ministerpräsidenten ernannt. Hastig zum Eingreifen abkommandierte sowjetischen Soldaten konnten den bewaffneten Widerstand in Budapest nicht mehr brechen. Am 30. Oktober kündigte Nagy in einer Radioansprache das Ende des Einparteiensystems an und forderte den Abzug der noch in Budapest verbliebenen sowjetischen Truppen.

Am 4. November, nachdem die ungarische Regierung den Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärt hatte, schlug die sowjetische Armee den Aufstand schließlich blutig nieder. Rund 180.000 Menschen flohen damals nach Österreich. Der Reformkommunist Imre Nagy wurde ebenso wie zahlreiche andere am Aufstand Beteiligte hingerichtet. Die offiziellen Feiern in Budapest, die am 23. Oktober stattfinden, könnten unterdessen nicht so reibungslos ablaufen wie das Gedenken in Wien.

"Gewöhnliche Lüge"

Denn erst am Dienstag gingen in Ungarn erneut die Wogen hoch: Oppositionschef Viktor Orbán hat laut ungarischem Außenministerium ausländische Staats-, und Regierungschefs vor der Teilnahme an den Feierlichkeiten in Budapest gewarnt. Die Sicherheit der Staatsgäste sei nicht gewährleistet, soll Orbán gegenüber ausländischen Botschaften erklärt haben. "Das ist eine ganz gewöhnliche Lüge, nichts dergleichen wurde gesagt", dementierte Orbáns Kabinettchef Tamas Deutsch-Für umgehend.

Weiter unklar ist auch, wo die staatlichen Feierlichkeiten stattfinden werden. Die Demonstranten, die auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament den Rücktritt der Regierung fordern, sind weiterhin nicht bereit, den Platz zu räumen. (szi, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 18. Oktober 2007)

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    Protestmärsche zum Auftakt der Revolution von 1956. Die Sowjets schlugen den Aufstand nieder.

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