Wirkliche und fiktive Szenarien

23. Oktober 2006, 08:56
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In São Paulo muss was passieren, damit Schumacher zum achten Mal Weltmeister wird, und es muss nicht einmal illegal sein

Wien - "Ich glaube, dass Michael die Formel 1 mit erhobenem Haupt verlassen will. Ich kenne ihn sehr gut und denke, dass es kein Problem geben wird", sagt Flavio Briatore, Chef des Renault-Teams des regierenden Weltmeisters Fernando Alonso. Briatore war Teamchef von Benetton, mit dem Schumacher 1994 und 1995 seine ersten beiden WM-Titel errang. Der berühmteste aller Kerpener erwarb sich zwar den Ruf des schnellsten Rennfahrers, doch er scheute auch vor kaum einer Unsportlichkeit zurück.

Einmal ignorierte er die schwarze Flagge, wurde für zwei Rennen gesperrt, einmal wurde ihm ein Sieg wegen eines irregulären Holzunterbodens aberkannt. Beim Finale 1994 in Adelaide war für ihn von großem Vorteil, dass er selbst und Damon Hill ausschieden, prompt kam es zu einer genau dazu führenden Kollision zwischen den beiden, und Schumacher war erstmals Weltmeister.

1997, bereits im Ferrari, hätte offenbar dasselbe Spiel mit Jacques Villeneuve gespielt werden sollen. Schumacher verspekulierte sich, sein Rammstoß missglückte, er schied aus, Villeneuve konnte weiterfahren und sich als Dritter den Titel sichern. Nachträglich wurde Schumacher der Vize-WM-Titel aberkannt. 2002 und beim Österreich-GP in Spielberg empörte Ferrari das Publikum, als das Team Rubens Barrichello per Funk dazu anhielt, Schumacher auf der Zielgeraden überholen zu lassen. Wettbüros zahlten jenen, die auf Barrichello gesetzt hatten, den Einsatz zurück, Ferrari wurde mit einer Geldstrafe belegt.

Am Sonntag, beim Grand Prix von Brasilien in São Paulo, könnte Folgendes passieren: Schumachers Ferrari-Teamkollege Felipe Massa schubst Fernando Alonso von der Strecke, und würfe er sich dabei selbst auch weg, wäre das egal, gewänne Schumacher in seinem 250. Grand Prix zum 92. Mal. Dann hätte er um einen Saisonsieg mehr als Alonso (7) und wäre bei Punktegleichstand Weltmeister.

Nicht auszuschließen ist auch, dass ein Gedungener eines anderen Teams Alonso abschießt. Freilich könnte auch Alonso selbst aktiv werden, den Kontakt zu Schumacher suchen, und wenn beide ausfallen, hätte der Spanier, der um zehn Punkte voran liegt, seinen Titel verteidigt. Für einen Schumacher-Ausfall könnte aber auch Alonso-Teamkollege Giancarlo Fisichella sorgen. "Ich denke nicht, dass der Titelkampf bereits entschieden ist. Es kann noch so viel passieren, wir nehmen deshalb nichts als gegeben hin", sagt Alonso, dem ein achter Platz zum Triumph genügt, auch wenn Schumacher siegt. Schumacher versicherte, dass er nicht mehr an die WM glaubt. Vieles spricht dafür, dass der erfolgreichste Formel-1-Fahrer aller bisherigen Zeiten einen ehrenhaften Abgang anstrebt. In Kerpen wird eine Satzungsänderung erwogen, um ihn zum ersten Ehrenbürger zu machen. Egal, ob er nun sieben- oder achtfacher Champion ist. (bez - DER STANDARD PRINTAUSGABE 18.10. 2006)

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    26. 10. 1997, Jerez de la Frontera: Michael Schumacher (li.) rempelt Jacques Villeneuve, doch der Rempler geht nach hinten los. Schumacher scheidet aus und sollte später seine Punkte verlieren, Villeneuve wird Dritter und Weltmeister.

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