Ein Kraftwerk der Kunst

17. Oktober 2006, 18:46
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Im Sog der "Frieze Art Fair", deren vierte Ausgabe neue Besucher- wie Umsatzrekorde bescherte, wird London zum Zentrum der Gegenwartskunst

Carsten Höller sorgt für Spaß beim Rutschen, Chris Burden lässt Laternen strahlen, und China zeigt sich powerfull.


London - Wie leicht man in London für einen psychopathischen Terroristen gehalten werden kann: Diese Erfahrung hatte der steirische Künstler Christian Eisenberger machen müssen, dessen überbordende Installation Fly-In-Church (in Anspielung auf 9/11) sein Galerist Viktor Bucher auf der Scope zu zeigen gedachte. Denn der Pass war abgelaufen, und so flog nur der bereits eingecheckte Rucksack nach Stansted, wo dieser stundenlang am Förderband kreiste.

Tags darauf, glücklich mit verlängertem Pass gelandet, fragte Eisenberger beim Lost-&-Found-Schalter nach dem Gepäck. Was ein dreistündiges Verhör nach sich zog. Denn im Rucksack befanden sich auch einige Materialien für sein apokalyptisches Szenario: jede Menge Menschenhaar und ein echter Schädel. Er wurde konfisziert. Aber zumindest der Künstler kam frei.

Die Scope ist eine Art Parasit: Sie findet parallel zu den wichtigen Kunstmessen statt, in der Regel in Hotels. Heuer fand sie Unterschlupf in der Truman Brewery, umgeben von Boutiquen, Clubs und indischen Restaurants. Sie war daher wirklich so etwas wie einen Gegenmesse zur schicken Frieze Art Fair, die vergangenes Wochenende zum vierten Mal im Regent's Park gelesen wurde: Auf der Scope stieß man nur auf ein paar bekannte Namen wie Massimo Vitali, zumeist aber auf wirklich junge, oft trashige, von Comics beeinflusste Kunst. Auch Hubert Winter wagte den Sprung über den Kanal: Er zeigte die zerknüllten Cola-Dosen von Lei Xue, aus Porzellan gefertigt und mit Mustern handbemalt, um 450 Euro das Unikat.

Auf der Frieze, organisiert von der gleichnamigen Kunstzeitschrift, bekommt man um diesen Betrag rein gar nichts: Die weltweit renommiertesten Galerien bieten in der Regel nur aktuelle, teure Ware an. Und da wird gekauft, was das Zeug hält: Wer es geschafft hat, bei der Frieze ausstellen zu dürfen, der macht unter Garantie ein Riesengeschäft. Viel Jubel daher auch bei den sieben österreichischen Galerien: Meyer Kainer, die sich auf Franz West, Gelitin und Heimo Zobernig konzentrierten, meldeten "sold out" - wie auch Thaddaeus Ropac und Gabriele Senn: "Wir haben sogar Sachen aus unserem Lager und aus der Mappe verkauft. London ist für mich ein Superplatz", strahlte sie.

Martin Janda machte blendende Geschäfte mit Maja Vukoje und Adriana Czernin, Georg Kargl mit Gabi Trinkaus und Markus Schinwald. Das dezidierteste Statement gelang aber den Damen Krobath Wimmer: Sie zeigten auf ihrem Stand ein Triptychon mit großformatigen Arbeiten von Esther Stocker (sofort verkauft), Judith Eisler und Brigitte Kowanz, ergänzt um eine Acrylglasskulptur von Berta Fischer, die, wie Janda-Künstler Roman Signer (mit einem skurrilen Kajak im Schotterhaufen), auch im Skulpturenpark neben dem Zelt der Frieze präsentiert wurde.

Über den neuen Zugang, eine kurvige Rampe aus Holz von Jamie Fobert, drangen 63.000 Besucher (in fünf Tagen) aus lichten Höhen, dem Bereich zwischen dem Giebeldach und den über den Ständen eingezogenen Stoffbahnen) in die Kunstwelt ein. Und weil der Andrang - auch der Galerien - derart groß ist, wurde das Zelt heuer erweitert: Die Bäume des Parks stehen im Inneren herum wie einst der Ahorn auf der Bühne der Felsenreitschule.

Schöne und Reiche

Die Frieze wirkt magnetisch. Nicht nur auf die Schönen (Kate Moss, Claudia Schiffer, Stephanie Seymour, Gwyneth Paltrow, Elle MacPherson etc.) und Reichen. Sondern auch auf die führenden Institutionen für Gegenwartskunst: Sie bieten ein geradezu überwältigendes Programm an. In der Folge gibt es jede Menge Wechselwirkungen mit der hippen Kunstmesse.

Ursula Krinzinger zum Beispiel, die vieles von Erwin Wurm verkaufte (darunter um 90.000 Euro eine Skulptur eines Künstlers, der die Welt als Scheibe verschluckte), zeigte wieder den 2,44 Meter langen Nachbau der Tower of London Bridge von Chris Burden. Denn der US-Künstler durfte seinen Flying Steamroller, 1996 in der MAK-Ausstellungshalle realisiert, rotieren lassen - direkt neben der Tate Britain. Zudem zeigt er bis 5. November 14 Magnolia Double Lamps in der klassizistischen South London Gallery als würdevolle Installation. Sie vermittelt einen Eindruck des Projekts Urban Light: Burden und MAK-Chef Peter Noever möchten insgesamt 150 gusseiserne Straßenlaternen aus der Art-déco-Zeit, über Jahre im Großraum Los Angeles gesammelt, vor dem Museum in Kolonnaden aufstellen.

Oder: Die Gagosian Gallery bot ein kleinteiliges Plexiglas-Architekturmodell von Carsten Höller mit zahlreichen Treppenhäusern und Rutschen um 200.000 Dollar an. Denn der deutsche Künstler bespielt (im Wortsinn) bis 9. April die Turbinen-Halle der Tate Modern: Von mehreren Ebenen kann man wie in einem Erlebnisbad durch fünf silbrige Röhren hinabrutschen. Der Andrang ist gewaltig. Mit dem riesigen Raum aber kam Höller nicht zurecht. In der Tate Modern läuft bis 14. Jänner zudem eine faszinierende Retrospektive von Peter Fischli und David Weiss. Keine Frage daher, dass Eva Presenhuber (Zürich) deren legendäre Sausage Photographs sofort loswurde.

Und Marianne Boesky (New York) verkaufte ein riesiges Wellen-Bild Red Sea von Barnaby Furnas, einem der zentralen Künstler der spekulativen Schau USA Today mit 80 Werken der neuen Saatchi-Sammlung (bis 4. November in der Royal Academy of Arts). Auch die abstrakten Bilder von Tomma Abts, die bunten Schriftbilder von Mark Titchner und die rohen Skulpturen von Rebecca Warren wurden auf der Frieze zum Kauf angeboten: Die drei Künstler rittern mit Phil Collins um den Turner Prize (die Entscheidung fällt am 4. Dezember, die Shortlist-Show in der Tate Britain läuft bis 14. Jänner).

Unheimliche Räume

Die beeindruckendste Ausstellung aber wurde von der Serpentine Gallery organisiert - in jenem monströsen Kraftwerk neben dem Battersea Park, das am Cover von Pink Floyds Animals zu sehen ist und demnächst in ein Kultur-Business-Shoppingcenter umgebaut wird: China Power Station präsentiert in den unheimlichen Räumen vornehmlich kritische Videos und eigens für den gewaltigen Schauplatz konzipierte Installationen. Ein definitives Must! (Thomas Trenkler aus London/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2006)

  • Die Installation "14 Magnolia Double Lamps" in der South London Gallery: Die Straßenlaternen aus der Art-déco-Zeit hat Chris Burden im Großraum Los Angeles gesammelt.
    foto: standard/trenkler

    Die Installation "14 Magnolia Double Lamps" in der South London Gallery: Die Straßenlaternen aus der Art-déco-Zeit hat Chris Burden im Großraum Los Angeles gesammelt.

  • Das Zelt der Frieze wurde im Regent's Park über die Bäume gestülpt. Und Barbara Kruger bindet in "Wanted" einen Strauß plakativer Wünsche: "Diamonds", "Smaller noses", "Fuller Lips" "Gold", "Bigger breasts" - und in der Ecke "Art".
    foto: standard/trenkler

    Das Zelt der Frieze wurde im Regent's Park über die Bäume gestülpt. Und Barbara Kruger bindet in "Wanted" einen Strauß plakativer Wünsche: "Diamonds", "Smaller noses", "Fuller Lips" "Gold", "Bigger breasts" - und in der Ecke "Art".

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