"Mord ist die Spitze des Eisbergs"

24. Oktober 2006, 10:05
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Diskussion mit russischen Journalisten: "Alltäglicher Terror"

Die Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja sei „ein Schock“ für ihre Kollegen in Russland gewesen – und dennoch sei es nur die tragische Spitze eines Eisberges: „Sie war eine spezielle Persönlichkeit, und der Mord an ihr war ein Zeichen: Noch weniger Kollegen werden sich nun noch etwas trauen“, sagte Nikolai Wenediktow von der russischen Nachrichtenagentur Novosti anlässlich einer Diskussion der Internationalen Journalistenvereinigung in Brüssel.

Der Arbeitsalltag würde sich in Russland für Journalisten stetig verschlechtern, sagten russische Medienarbeiter am Rande der Debatte. Wer den Behörden durch Berichte und Geschichten negativ auffiele, habe sofort mit einer ganzen Reihe von „Interventionen“ zu rechnen, die von plötzlich gekündigten Wohnungen oder Bankdarlehen, Schwierigkeiten der Kinder in der Schule bis zur „Prügelstrafe“ reichten, so ein Journalist aus Moskau. Und wer diesen „Hinweisen“ nicht nachkomme und seiner Arbeit eine andere Richtung gebe, für den könne es so enden wie für Anna Politkowskaja vor wenigen Tagen, Vieranika Tscharkarawa vor zwei Jahren in Weißrussland oder Giorgi Gongadze am 16. September 2000 in der Ukraine.

Aidan White von der Internationalen Journalistenvereinigung nannte die Reaktion des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf den Mord an Politkowskaja „besonders schockierend“: Putin sagte, die ermordete Journalistin habe im eigenen Land „eine unbedeutende politische Rolle“ gespielt. White: „Diese Aussage ist eines russischen Präsidenten nicht würdig und untergräbt das Vertrauen in die Untersuchungen.“

Schanna Litwina, Vorsitzende der weißrussischen Journalistenvereinigung, wies darauf hin, dass ein ähnlicher Umgang mit Journalisten auch in den Ländern herrsche, die mit Moskau „enger befreundet“ seien. In Weißrussland, aber auch in der Ukraine wären Prügel „auf der Tagesordnung“.

„Der Geist von Jalta“

Marianne Mikko, Abgeordnete im EU-Parlament und früher selbst für Medien tätig, kritisierte den „Geist von Jalta“, der derzeit zwischen Russland und dem Westen herrsche: Nur um ja keinen Konflikt heraufzubeschwören, schwiegen die Politiker in der EU zu diesen undemokratischen Vorgängen in Russland, so wie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine Allianz mit Stalin eingegangen wurde. Um zu wissen, wer den Mord in Auftrag gegeben hat, müsse man nur fragen, wem er nütze. „Und die EU muss sich fragen, wie sehr sie sich einem solchen Russland etwa im Energiebereich ausliefern will.“ (Michael Moravec aus Brüssel/DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2006)

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