"Ich freu' mich auf den Müll"

1. Juli 2000, 10:12

Renée Schroeder: 97 Prozent des Genoms gelten, weil unverstanden, als "Junk"

Renée Schroeder ist Professorin am Institut für Mikrobiologie und Genetik der Universität Wien

Im Dezember 1999 wurde die DNA-Sequenz des ersten menschlichen Chromosoms (Chromosom 22) veröffentlicht, im Mai 2000 das zweite (Chromosom 21). Jetzt soll die DNA-Sequenz von 97 Prozent des menschlichen Genoms im Internet deponiert und somit für alle zugänglich gemacht werden. Bricht damit im neuen Jahrtausend ein neues Zeitalter an?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ja: das Zeitalter der Biotechnologie. Allerdings stehen wir jetzt erst ganz am Anfang, denn mit der Fertigstellung der DNA-Sequenz eines Lebewesens ist sein Geheimnis noch lange nicht gelüftet.

Die eigentliche Arbeit beginnt erst richtig, weil wir die Bedeutung und die Funktion der meisten Gene noch nicht kennen. Diese zu entschlüsseln wird die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte sein.

Notwendigkeit der Evolution

Welche Hoffnungen werden damit geweckt? Wird es zum Beispiel möglich sein, alle Erbkrankheiten auszurotten? Möglicherweise - aber es werden immer neue Erbkrankheiten entstehen, denn neue vererbbare Schäden oder Veränderungen finden laufend statt. Das ist eine Notwendigkeit der Evolution. Das ist ja das Prinzip des Lebendigen, die Veränderung.

Wenn wir uns heute die vorzeitigen Todesursachen anschauen, so sind die durch Erbkrankheiten bedingten nur ein kleiner Teil. Wenn wir die Gesundheit der Menschheit global verbessern wollen, so sicherlich nicht durch Gentherapie, sondern durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen.

Viele ExpertInnen sind der Meinung, dass nur drei Prozent des Genoms nützliche Informationen enthalten und dass der Rest, 97 Prozent, Müll ist. Diese Meinung spiegelt wahrscheinlich nur unser jetziges Unvermögen wider, die Sequenzen wirklich zu verstehen. Anders gesagt, wir wissen noch nicht, was wir alles nicht wissen. Daher freue ich mich jetzt schon auf die kommenden Jahre, in denen wir in diesem "Müll" ganz neue, total spannende genetische Elemente finden werden.

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