Pseudonym leben

29. November 2006, 20:47
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Peter Patzaks verfilmt Martin Walser: „Das Einhorn“

Ein Manns itzt zwischen Möbeln. Er wirkt teilnahmslos, fast ein wenig depressiv. Man bezieht eine neue Wohnung, schon kommen die Kinder, und die Ehefrau mit Hammer und Nägeln.

 

Sie hängt alte Pistolen an die Wand. Hier, in München, soll sie bleiben, die Familie Kristlein. Aber der Mann muss wieder auf Reisen. Denn Anselm Kristlein ist Schriftsteller, und sein nächstes Buch soll das ganz große Thema haben: die Liebe, wie im richtigen Leben und in der richtigen Literatur.

Ein "Sachroman", für den Anselm Kristlein zahlreiche Recherchen machen muss. Das Einhorn ist das Symboltier für die Ruhelosigkeit, die Kristlein von einer Episode zur nächsten treibt.

Wonach er sucht, ist nicht ganz klar, sein Erfolg bei den Frauen schlägt nicht in Selbstgewissheit um.

„Jeder Anselm hat seinen Nachfolger“, heißt es bei Martin Walser, der die Figur des Anselm Kristlein erfunden hat und durch eine in der westdeutschen Nachkriegsliteratur berühmt gewordene Trilogie hindurch verfolgt hat. Das Einhorn ist das mittlere dieser drei Bücher.

Es erschien 1966, sechs Jahre nach Halbzeit, sieben Jahre vor Der Sturz. Die Selbstreflexion eines Autors übernimmt Peter Patzak auch in den Film. Anselm Kristlein (Peter Vogel) spricht immer wieder direkt in die Kamera. Die Erfahrungen, die er macht, werden gleich analysiert. Viele Erlebnisse führen ihn hart an den Rand zur Satire. Helmut Fischer doziertamTisch eines Marzipanindustriellen vor imposantem Seeblick über die mindere Ausbeutbarkeit weiblicher Arbeitskräfte.

Die blonde Industriellengattin spuckt dazu lasziv einen Kirschkern aus. Bei Podiumsdiskussionen und in Eisenbahnabteilen erlebt Kristlein den Literaturbetrieb mit allen Schattenseiten.

Immer neue Frauen treten in sein Leben, nie findet er die Liebe. „Ich will rein in dein Buch, das auf jeden Fall“, raunt ihm eine Schöne ins Ohr. Kristlein denkt noch an eine andere Frau, als er zu seiner Ehefrau in die Küche tritt, um ihr vorzulesen, was er gerade geschrieben hat: „Karotten kommen bei mir auch vor.“ So, wie sich das Erlebte und Erinnerte bei Patzak in Rückblenden und Abschweifungen zur mehrschichtigen Fabel zusammensetzt, ist die Autorenpersönlichkeit bei Walser zusammengesetzt und droht ständig in Kapitel zu zerfallen.

Kristlein sucht nach einer Begegnung, die ihn der Wiederholung enthebt. Am Bodensee lernt er die Camperin Orli Laks kennen, mit der er viele Stunden der wahren Empfindung erlebt. Das Einhorn steht für Unschuld und andere Zustände – und für eine Mythologie der männlichen Selbsterprobung. Anselm Kristlein ist einer, der auszog, um sich das Horn abzustoßen. Das Buch, das er schreibt, soll Anstatt Liebe heißen.

Die Frau von Kristlein zieht die richtigen Schlüsse. Sie bleibt daheim, und ändert ihren Namen. Ihr Mann, der sich selbst in die Öffentlichkeit gezerrt hat, würde ihr gern folgen: „Leben wir doch pseudonym.“ Tut er doch schon.

Bert Rebhandl, Ständiger Mitarbeiter des Standard; lebt und arbeitet in Berlin.

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