„Leuchtende Passagen“

29. November 2006, 20:47
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Martin Walsers Roman als „Mine und als Steinbruch“: Stimmen zu „Das Einhorn“

„Mein Interesse an Anselm Kristlein ist das Interesse an den Vierzigjährigen, die sich in der für das Alter spezifischen Schaffenskrise befinden. Ist die meist durch unrekonstruierbare Kleinigkeiten und gestellte Weichen beeinflusste Entscheidung für eine Richtung gefallen und hat sich der Erfolg eingestellt, heißt die Forderung der Beteiligten oder der, die beteiligt sein wollen: genau so weiter. Dieses „genau so“ wird dann zur ewig dummen Forderung der Vermarkter. Autoren schreiben dann, Filmer filmen dann, Journalisten formulieren und, und. Man braucht sich selbst und andere auf, bis zum Privaten. Kristlein wird genötigt, das Tempo zu halten, bewegt sich aber nur mehr im Stehen, müsste, um aus der Krise zu kommen, anhalten. Dieses Laufen im Stand macht ihn so gültig. Dazu noch der Stress, nach Uhrzeit kreativ zu sein, unter sich dauernd verändernden Mustern, dann noch der Alltag. Dazu die scheinbare Freiheit, monatlich bezahlt zu werden.“ (Peter Patzak)

 

„In nur acht Tagen gefilmt, schien mir Das Einhorn mit allen „unfertigen“ Qualitäten, die das filigrane Spiel Peter Vogels, die Kamera und auch die Inszenierung gegen Walsers kompakten Roman in dieser kurzen Drehzeit bewahren konnten, Patzaks interessantester Film zu sein – eine jener wenigen deutschsprachigen Produktionen der Nachkriegszeit, in der man sich als denkender und fühlender Betrachter länger einrichten möchte, weil sie einen Reichtum und eine Lebendigkeit und eine Direktheit aufweisen, so wie jene neuen jungen französischen Filme, angesichts derer wir derzeit zu Recht klagen, dass neben ihnen das österreichische Kino wie eine schwachbrüstige Kompromissvariante zwischen Geschmack- und Leblosigkeit und einfältigem Sicherheitsdenken aussieht. Momente hingegen, in denen leichthin alles gelingt, obwohl im nächsten Moment den Beteiligten alles aus den Händen gleiten könnte: Das Einhorn hat einige vorzuweisen.“ (Claus Philipp)

„Da Drehbuch und Regie den Roman konsequent als Mine oder als Steinbruch benutzt haben, kann nicht von einer Inszenierung des Romans die Rede sein. Es wäre schrecklich, wenn Patzak meinen Roman inszeniert hätte. Wer einen Roman inszenieren will, landet, glaube ich, beim Kunstgewerbe. Patzak hat einen Film gedreht. Dieser Einhorn- Film hat so intensiv leuchtende Passagen, er hat Szenen, die vor Intensität glühen, da kann ich nur froh sein, dazu das Brenn- und Baumaterial geliefert zu haben.“ (Martin Walser)

ZUR PERSON: Peter Patzak, wurde 1945 in Wien-Brigittenau als Sohn eines Polizeibeamten geboren, studierte Malerei in Wien und lernte früh den Autor Helmut Zenker kennen. Ende der 60er-Jahre ging er einige Zeit nach New York, arbeitete mit Super-8 und erhielt den Preis der „Film of Art“-Show. Nach seiner Rückkehr nach Wien drehte er seinen ersten Kinofilm („Die Situation“ 1972). Er inszenierte auch zahlreiche Fernsehfilme, bekannt wurde er besonders durch die Serie „Kottan ermittelt“. Für sein Werk erhielt er u. a. den Regiepreis der Biennale Venedig, die Goldene Romy und den Preis der Berliner Filmfestspiele. Filme (Auswahl): „Die Weltmaschine“ (1979), „Strawanzer“ (1983), „Försterbuben“ (1985), „Der Joker“ (1987), „Killing Blue“ (1988), „Tod eines Schülers“ (1990), „Hart im Nehmen“ (2000), „Die Wasserfälle von Slunj“ (2002), „Nichts wie weg“ (2002).

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