Zielstrebiges Unglück

28. November 2006, 17:56
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Moderne Zeiten: „Totstellen“ von Axel Corti

Mit ihrem Film Totstellen (1975) fassen Axel Corti und Michael Scharang den State of Mind im Österreich der 1970er-Jahre zusammen und kritisieren ihn zugleich. Die Geschichte des Bauarbeiters Franz entfaltet sich konsequent entlang der den sozialdemokratischen Mythos definierenden Koordinaten. Es sind die Beziehungen zwischen Stadt und Land, Mann und Frau sowie zwischen den sozialen Schichten, die in den 1970er- Jahren – und also auch in Totstellen – diskutiert werden.

 

Allerdings argumentiert der Film aus der Einschätzung, dass die mit dem Amtsantritt der SPÖ 1970 in Aussicht gestellten Emanzipations- und Modernisierungsentwicklungen weit gehend nicht stattgefunden haben. Der Klassenkampf ist immer schon verloren. Franz ist dieses Wissen, das zugleich ein Wissen um die Aussichtslosigkeit seiner Position ist, gewissermaßen inhärent, wenn auch zum größten Teil unbewusst. Er sagt: "Wenn einer wie ich nirgends was zu reden hat, ist’s auch egal, was er denkt." Folgerichtig spricht Franz kaum. Zu Beginn versucht er, glücklich zu werden; dann lehnt er sich zunehmend – in seinen Gesten und durch Aktionen – auf.

Auch formal und ästhetisch tauchen wir mit Totstellen tief in den Zeitgeist ein, wobei Corti, der Erfahrungen mit der Inszenierung von Musikclips (etwa für das TV Musikmagazin Gogoscope) und Werbungen (man denke vor allem an seine legendären Humanic-Spots) hatte, gelegentlich eine fast popkulturelle Leichtigkeit einbringt. Die Kamera Xaver Schwarzenbergers zaubert moderne Idyllen, um sie abrupt zu unterbrechen.

Das an Filme à la Love Story erinnernde Bild von Franz und Erna, dieamHorizont über Felder tanzen, unterlegt von Musik, ist sozusagen zu schönumwahr zu sein; und tatsächlich scheint mit dem plötzlichen Unfall Ernas beider Schicksal besiegelt, das Unglück nimmt erschreckend zielstrebig seinen Lauf. Auch Franz’ Mofafahrt über burgenländische Hügel, begleitet von Beatmusik, ist so ein vom Genrekino inspirierter Moment, das im Rückspiegel auftauchende Auto seines Verfolgers als nachhaltige Irritation inbegriffen.

Schließlich ist die Produktionsgeschichte von Totstellen geradezu paradigmatisch für die Rahmenbedingungen in diesem Jahrzehnt: Jahre von einem Filmförderungsgesetz entfernt, ist Mitte der 1970er der ORF immer noch der bedeutendste, weil finanzkräftigste Auftraggeber. Corti – seit Der Fall Jägerstetter (1972) einer der auch international bekanntesten österreichischen Regisseure – und Scharang gehörten ebenso zu den viel beschäftigten Mitarbeitern der „ORF- Filmfabrik“ wie Schwarzenberger und die meisten Schauspieler und Schauspielerinnen, mit deren Gesichtern eine ganze Publikumsgeneration aufgewachsen ist. (Reinhard Schwabenitzky fungierte noch als Regieassistent.) All das macht Totstellen zu einem Schlüsselwerk der österreichischen Filmgeschichte der 1970er-Jahre.

Sylvia Szely, Film- und Fernsehhistorikerin; zuletzt Hg. „Spiele und Wirklichkeiten.“

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