Stichwort: Der Streit um den Völkermord an den Armeniern

18. Oktober 2006, 14:21
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Türkei: Keine systematische Vernichtung des Volkes - 1,5 Mio. Menschen kamen 1915 durch Massaker und Vertreibung ums Leben

London - Das französische Parlament hat die Leugnung des armenischen Völkermords unter Strafe gestellt. Die Entscheidung stößt auf scharfe Kritik der Türkei, die bestreitet, dass es sich bei dem massenhaften Tod von rund 1,3 Millionen Armeniern nach dem Ersten Weltkrieg um einen Völkermord gehandelt hat. Im folgenden einige Informationen zu dem Streit:

Der historische Hintergrund:

  • Im späten 19. Jahrhundert lebte im Osmanischen Reich eine armenische Minderheit mit rund zwei Millionen Mitgliedern. Exil-Gruppen in den USA, Genf und der georgischen Hauptstadt Tiflis ermutigten sie, ihre nationalen Rechte geltend zu machen.

  • In den Jahren 1894 bis 1896 begingen kurdische Untergrundkämpfer in Ost-Anatolien ein Massaker an Armeniern, dem rund 30.000 Menschen zum Opfer fielen. Mehrere tausend Armenier wurden zudem im August 1896 in Konstantinopel getötet, nachdem armenische Extremisten eine Osmanische Bank besetzt hatten, um auf ihre nationalen Ziele aufmerksam zu machen.

  • Die Massaker wurden gestoppt, nachdem die damaligen Weltmächte mit einer Intervention drohten.

Was 1915 geschah:

  • Im Ersten Weltkrieg kämpften in Ost-Anatolien osmanische Truppen gegen die russische Armee. Viele Armenier beteiligten sich an Partisanengruppen, die Russland bei seinem Einmarsch helfen wollten. Zugleich war Ostarmenien, die heutige Republik, im Jahr 1915 Teil des russischen Reiches, und damit waren die Ostarmenier als Bürger des russischen Reiches zum Militärdienst verpflichtet.

  • Am 24. April 1915 ließ die türkisch-osmanische Regierung hunderte Armenier festnehmen und töten, die zur intellektuellen Elite des Volkes gehörten.

  • Im Mai 1915 begann die osmanische Armee mit einer Massenvertreibung von Armeniern aus dem Osten des Landes. Die Begründung war, sie könnten die russischen Invasoren unterstützen.

  • Im anatolischen Grenzgebiet wurden tausende Menschen auf nach Syrien und Mesopotamien, dem heutigen Irak, vertrieben. Armenischen Angaben zufolge kamen entweder bei Massakern oder durch Hunger und Erschöpfung bei der Flucht durch die Wüste rund 1,5 Millionen Menschen ums Leben.

Die türkische Sicht:

  • Die Türkei hat immer zurückgewiesen, das Vorgehen der Armee sei systematisch darauf ausgerichtet gewesen, das armenische Volk zu vernichten. Ihrer Version zufolge starben tausende Türken und Armenier durch Gewalt zwischen den Völkern während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches und bei der Abwehr der russischen Invasoren in die östlichen Provinzen während des Ersten Weltkrieges.

  • Die Republik Türkei wurde 1923 ausgerufen, nachdem das Osmanische Reich zusammengebrochen war.
(APA/Reuters/red)
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