Gerichtsgeschichte: Iris, zu Tode geheitscht

20. Oktober 2006, 15:58
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Mann hat drei Monate alte Tochter zu Tode geschüttelt - Stimmengleichheit unter den Geschworenen

Wien - Acht neue Geschworene lernen Stefan kennen, den jungen Vater, der Iris-Maria auf dem Gewissen hat. Das Baby lag die Hälfte seines einzigen Lebensjahres im Koma, konnte nicht gerettet werden, der Gehirnschaden war zu groß. Der mit sich, mit den Lebensumständen und mit dem Baby heillos überforderte Vater hat das Kind zu oft und zu heftig "geheitscht", wie er sagt. Das Lexikon kennt "heitschen" nicht, das Gericht tastet sich mühevoll an den Begriff heran. Für Stefan war es wohl eine Mischung aus dem Versuch, das Mädchen zur Ruhe zu bringen, und dem Drang, Aggressionen abzubauen. "Heitschen" tarnte sich als "Hoppe hoppe Reiter"-Spiel, artete aber in immer heftigere Rüttelbewegungen aus. Um die Schreie zu ersticken, drückte der Vater dann auch noch den Kopfpolster auf das Gesicht des Kindes. Ein paar Mal versetzte er Iris-Maria Ohrfeigen, einmal schubste er sie auf das Sofa. Am 15. April wurde sie vom zornige Vater zum letzten Mal geheitscht. "Da hat sie plötzlich die Augen verdreht", sagt der Angeklagte. Im Spital wies das drei Monate alte Baby Serienrippenbrüche, Hämatome und Hirnblutungen auf. Die Ärzte stellten irreparable Schäden fest, die von einem Schütteltrauma herrührten.

Justizirrtum

Mord? - Beim ersten Prozess im Juni stimmten die Geschworenen einstimmig dagegen. Ihr Urteil, fahrlässige Tötung, wurde vom Senat allerdings als Justizirrtum ausgesetzt.

Nun beteuert Stefan abermals, "nie im Leben" mit so schweren Verletzungen oder gar mit dem Tod des Kindes gerechnet zu haben. "Glauben Sie, dass Sie geeignet waren, auf Ihre Tochter aufzupassen?", fragt die Richterin. "Nein", erwidert Stefan, der zuletzt als Sanitäter im Zivildienst tätig war.

"Und wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?" - "Ich werde eine Therapie machen, Arbeit suchen und beim Roten Kreuz helfen", sagt Stefan. Urteil: Acht Jahre Haft, nicht rechtskräftig. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 18.10.2006)

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