Die Heimgesuchten

17. Oktober 2006, 00:25
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Gespenstisch: "Kurz davor ist es passiert", ein Doku-Essay von Anja Salomonowitz erzählt über Frauenhandel, Ausbeutung, Schuld

Ein beliebtes Sujet in Gespenster- und Horrorgeschichten: Jäh beginnen, meist an von alter Schuld aufgeladenen Schauplätzen ungesühnter Verbrechen, Menschen mit fremden Zungen zu reden. Es spricht durch sie hindurch: "Warum hilft mir keiner?" Gänsehaut.

Die junge österreichische Filmemacherin Anja Salomonowitz (zuletzt: Das wirst du nie verstehen, 2003) arbeitet mit einem verwandten erzählerischen Kniff: Sie hat protokollierte Erzählungen von Opfern des Frauenhandels gesammelt. Sie zeigt - der Titel Kurz davor ist es passiert legt es zumindest nahe - Menschen, die mit solchen Opfern schon einmal zu tun hatten: Einen Grenzbeamten, einen Bordellkellner, eine "Nachbarin", eine Diplomatin, einen Taxifahrer. Weiters dokumentiert sie deren alltägliche Lebens- und Arbeitswelt: Die kühle Pragmatik eines Zollpostens, dörflichen Frauen-Alltag, eine schäbige Kellerbar, öffentliche und private Räume einer Botschaft.

Hier und rund um diese Menschen könnten sich Episoden einer diese Räume und Menschen bei weitem überschreitenden (und wohl auch überfordernden) Tragödie abgespielt haben. Wo also ansetzen, wo der einzelne Ort und ein "Zeuge", eine "Zeugin" nur bedingt für das Ganze, Große stehen können?

Text und Unbehagen

Gespenstisch: Anja Salomonwitz' Protagonisten machen weiter wie bisher, und gleichzeitig machen sie in dem, was durch sie hindurch spricht, nicht mehr mit. Der Grenzbeamte tippt seine Berichte, die Nachbarin brüht Kaffee, der Barkeeper steht hinter dem Tresen oder kümmert sich um die Abrechnung, die Diplomatin lässt sich massieren.

Dazu sprechen sie einen Text, an dessen Zustandekommen sie möglicherweise direkt oder indirekt auch beteiligt waren (und sei es nur als ahnungslose Zahnräder in einem größeren Getriebe): Geschichten falscher Versprechungen, der Erniedrigung, Desillusion, Leibeigenschaft. Ganz am Anfang winkt der Grenzbeamte beiläufig Autos (mit welcher Fracht auch immer) durch: In weiterer Folge wird er sich beim Sprechen zunehmend unbehaglich winden. Den Fremdtext, den er auswendig lernen und verinnerlichen musste - er kann ihn nicht abladen, delegieren.

Insofern erzeugt Salomonowitz in jedem Wortsinn eine Art von dramatischem Druck, der in einer ersten Assoziation des Betrachters irgendwo zwischen brechtschem Verfremdungseffekt und den semidokumenarischen Fiktionen eines Ulrich Seidl balanciert.

Dass Dramaturgie und Inszenierung des Films letztlich aber vor allem etwas überkonstruiert und angestrengt wirken, hängt wohl damit zusammen, dass die Filmemacherin in den einzelnen Kapiteln und Ambienten eher unentschlossen scheint, ob sie jetzt tatsächlich auch Lokalkolorit realistisch einbeziehen möchte, oder ob es nicht doch darum geht, ein gespenstisches Pandämonium zu kreieren. Zwischen Wille zur Form und bloßer Gewolltheit verschwimmen die Ränder. Fazit: Mutig gescheitert... (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

  • Der Nachtclub, der Barkeeper - und gespenstischer Fremdtext. 17.10., Urania, 18.30
    foto: poool filmverleih

    Der Nachtclub, der Barkeeper - und gespenstischer Fremdtext.
    17.10., Urania, 18.30

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