Verloren in Aquariumwelten

16. Oktober 2006, 23:55
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"Tales from the Jungle" - ein aufregender Viennale Schwerpunkt ermöglicht Reisen in fremde, wild wuchernde Kinodschungel-Landschaften, -Bilder und -(Alb-)Träume

In Traurige Tropen (1955) beschrieb der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss den Urwald als "ein Universum im Kleinen, das den Menschen ebenso vollständig isoliert wie eine Wüste. Eine Welt aus Gräsern, Blumen, Pilzen und Insekten führt darin ein unabhängiges Leben, in das aufgenommen zu werden von unserer Geduld und Bescheidenheit abhängt. Ein paar Meter Wald genügen, um die Außenwelt aufzuheben; ein Universum weicht dem anderen, in dem weniger das Auge als das Gehör und der Geruch, jene der Seele näher stehenden Sinnesorgane, auf ihre Kosten kommen."

Dieses Universum - dem Lévi-Strauss eine "Aquariumatmosphäre" zuerkannte - auf Film zu bannen, ist nicht ganz einfach: Zu spärlich fällt das Licht durch das Laub, kaum eine Blickachse, kaum ein Blickfeld öffnen sich im Dickicht aus Ästen, Stämmen und Blättern, der Vielfalt der Gerüche im Film gerecht zu werden, ist fast unmöglich. Doch zugleich geht vom Dschungel eine große Faszination aus, es nimmt nicht wunder, wenn zahllose Filme ihn zum Schauplatz wählen.

Kinoexpedition

Ein Spezialprogramm der diesjährigen Viennale, Tales from the Jungle - eine kinematografische Expedition in die Tropen stellt eine Auswahl von 13 Kurz- und Langfilmen vor. Der älteste, Chang: A Drama of Wilderness von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack (den späteren Schöpfern von King Kong) stammt aus dem Jahr 1927, der jüngste, Worldly Desires, ein Digitalvideo des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul, aus dem vergangenen Jahr.

Dazwischen findet Heterogenes Platz: Horror aus Italien (Cannibal Ferox von Umberto Lenzi, 1980), Cinema-Novo-Perspektiven (Amazonas, Amazonas von Glauber Rocha, 1966), Lisandro Alonsos Los muertos (2004), die Chronik der Flussfahrt eines Ex-Sträflings, deren erste Szenen so monochrom giftgrün gehalten sind, dass sie der Lévi-Strauss'schen "Aquariumatmosphäre" alle Ehre machen, dazu eine ethnografische Erkundung im brasilianischen Regenwald (La guerrre de pacification en Amazonie von Yves Billon, 1973), die sich zur Tragödie weitet, da die von Billon gefilmten indigenen Stämme im Begriff zu verschwinden sind, kaum haben ihnen die Weißen den first contact aufgenötigt. Schließlich Weerasethakuls bahnbrechender Spielfilm Sud Pralad (Tropical Malady) aus dem Jahre 2004, in dessen zweiter Hälfte der Urwald agiert wie eine Hauptfigur.

Einer der Protagonisten des ersten Teils von Sud Pralad, der Soldat Keng (Banlop Lomnoi), verfolgt einen Tiger, der tagsüber die Gestalt eines Menschen annimmt: ein shape shifter, ähnlich ambivalent und inkommensurabel wie der Dschungel selbst. Der ist bei Weerasethakul ein labyrinthisches Reich aus grünem Licht, Blattwerk und raschelnden Laub. Einem sprachbegabten Affen begegnet man dort, dem weißlich-durchscheinenden Schemen eines Wasserbüffels, Glühwürmchen, die einen einzeln stehenden Baum in einen fluoreszierenden Körper verwandeln. "Der Tiger folgt dir wie ein Schatten", sagt der Affe zu Keng. "Lass dich von ihm verschlingen, wenn du in seine Welt eintreten willst." Keng lernt, diese Sätze nicht als Bedrohung, sondern als Versprechen zu begreifen.

Selbstverlust

Für Geschichten von Wahnsinn, Selbstverlust und Selbstpreisgabe gibt der Dschungel eine vollkommene Kulisse ab - zum Beispiel in einem Film aus Luis Buñuels mexikanischer Zeit, La mort en ce jardin (1956; der deutsche Verleihtitel mag es deftiger: Pesthauch des Dschungels). Er setzt in einem Städtchen am Rand der Zivilisation ein. Diamantenschürfer leben hier, doch soll ihnen die Lizenz zu schürfen entzogen werden. Es kommt zu einem Aufstand, in dessen Verlauf eine Prostituierte (Simone Signoret), ein Priester (Michel Piccoli), ein Diamantenschürfer, dessen taubstumme Tochter und ein Gauner (Georges Marchal) so unter Druck geraten, dass sie fliehen müssen: geradewegs hinein in den Dschungel. Der ist unbarmherzig und undurchdringlich.

Irrfahrten

Übermüdet, verschwitzt, von Insekten gepeinigt, vom tropischen Regen durchnässt und ausgehungert, irrt das Grüppchen umher - im Kreis. Einmal gelingt es ihnen, eine Riesenschlange zu erlegen, doch bevor das Feuer, auf dem sie das Fleisch zubereiten wollen, angezündet ist, haben sich schon Millionen von Ameisen der Schlange bemächtigt. Die Kamera schaut sich das Gewimmel der Insekten auf dem Körper des Reptils genau an, wie sie sich einst in Un chien andalou (1929) die aus einer Hand austretenden Ameisen anschaute.

In seinen Memoiren notierte Buñuel, dass während der Dreharbeiten am mexikanischen Catemacosee der örtliche Polizeichef den Schauspieler Georges Marchal "zu einer Menschenjagd" einladen wollte, "als sei es das Natürlichste von der Welt". Der Schauspieler lehnte selbstredend ab: "Ein paar Stunden später sahen wir die Polizisten wieder vorbeikommen. Der Polizeichef erwähnte, dass die Angelegenheit zufriedenstellend erledigt worden sei." (Cristina Nord/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

  • Wahnsinn! Maria Montez in Robert Siodmaks märchenhafter "Cobra Woman" (1944).
    foto: viennale

    Wahnsinn! Maria Montez in Robert Siodmaks märchenhafter "Cobra Woman" (1944).

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