Wer die Wahl hat

16. Oktober 2006, 23:31
posten

Konkrete Notlagen, Machbarkeit und Partizipation: Das "China Village Documentary Project" zeigt demokratische Entscheidungsprozesse auf lokaler Ebene

Ob die Volksrepublik China jemals ein demokratischer Staat nach westlichem Muster werden wird oder nicht, das beschäftigt derzeit die Menschenrechtler und die Machttheoretiker. Eine boomende Volkswirtschaft, in der neben dem Bruttosozialprodukt auch die Armut wächst, könnte auf prekäre Weise Modellcharakter bekommen.

Das Wort "demokratisch" fällt oft in der ersten Episode von Zhongguo cunmin yingxiang jihua (China Village Documentary Project). In einem Dorf sollen die Subventionen vergeben werden. Seit die kleinen Kommunen sich selbst verwalten können, hängt viel von der Wahlentscheidung der Bürger ab. Sie werfen Bohnen in eine Schale, und bestimmen auf diese Weise selbst, wie das Budget verteilt werden soll.

Das wilde Durcheinander der Stimmen deutet aber auch an, dass diese Basisdemokratie eine fragile Form ist, die leicht in ein Recht des (lokal) Stärkeren umschlagen kann. Das China Village Documentary Project ist die Fortsetzung dieser Reformpolitik mit filmischen Mitteln.

Der Regisseur Wu Wenguang lud eine Reihe von jungen Filmemachern dazu ein, mit einer kleinen Kamera in Dörfern aus allen Regionen Chinas jeweils Geschichten zu drehen, in denen es um die spezifischen Anliegen und die entsprechenden Lösungen geht. In einer landschaftlich schönen Gegend geht es um die Entwicklung des Tourismus: Wer bekommt wie viel Prozent von den Profiten, die hier entstehen? Und wie versöhnt man die Berggeister, die durch den zunehmenden Verkehr aufgestört werden? Die eine Frage ist auch zentralistisch lösbar, die andere bedarf des Fingerspitzengefühls von Menschen, die vor Ort sind.

Die Episoden des Chinese Village Documentary Projects stehen sicher nicht im Widerspruch mit der offiziellen Politik Beijings. Zwar kommen die Menschen hier mit ihren Nöten zu Wort, alle Fälle bleiben aber auch dezidiert diesseits der Systemkritik. Das China Village Documentary Project überzeugt nicht so sehr politisch, als dadurch, dass die Lebensumstände einer große Mehrheit der chinesischen Bevölkerung sehr anschaulich werden. (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

  • "China Village Documentary Project" 17.10., Urania, 13.30
    foto: viennale

    "China Village Documentary Project"
    17.10., Urania, 13.30

Share if you care.