Peinliche Sexaffäre belastet Israel

16. Oktober 2006, 21:46
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Flehentliche Rücktrittsaufforderungen von Medien und PolitikerInnen an Präsident Katzav

Die größte und zugleich peinlichste Show im Land wurde am Sonntag doch noch abgeblasen. Staatspräsident Mosche Katzav machte einen Rückzieher und ließ mitteilen, dass er doch nicht zur feierlichen Eröffnung der Wintersitzungsperiode im israelischen Parlament erscheinen würde.

Katzav hätte mit Fanfaren begrüßt werden und auf der Ehrentribüne Platz nehmen müssen, was Abgeordnete fast aller Parteien mit Protesten quittieren wollten – einige wollten sich demonstrativ nicht von ihren Sitzen er_heben, andere wollten erst nach dem Präsidenten den Saal betreten, eine Mandatarin hatte geheimnisvoll eine besonders „kreative Aktion“ angekündigt. Wie stark die „Präsidentenaffäre“ Israel belastet, war an der großen Erleichterung nach Katzavs Absage zu spüren. Lediglich Präsidentenbruder Lior Katzav erhob den Vorwurf, einige Abgeordnete wollten „Provokationen“ durchführen.

Katzavs Gefolgsleute und seine Kritiker standen noch unter dem Schock, den am Montagabend ein Kommuniqué der Polizei ausgelöst hatte – nach drei Monate währenden Ermittlungen wurde das Staatsoberhaupt darin noch schwererer Delikte beschuldigt als ohnehin befürchtet. Viele Politiker und Kommentatoren flehten Katzav daraufhin an, seine Funktionen ruhen zu lassen. „Es ist nicht angebracht, dass jemand als Präsident fungiert, während gegen ihn ein Rechtsverfahren läuft“, sagte etwa Unterrichtsministerin Juli Tamir.

Die Polizei hatte der Staatsanwaltschaft empfohlen, den 60-Jährigen wegen Vergewaltigung von zwei Frauen vor Gericht zu stellen – die Höchststrafe wären 16 Jahre Gefängnis. Juristen erläuterten allerdings, dass der Begriff „Vergewaltigung“ in Israel auch dann verwendet wird, wenn der Täter keine physische Gewalt angewendet, sondern etwa Abhängige durch seine Autorität zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat.

Zudem soll Katzav in seinen Jahren als Präsident und zuvor als Minister noch weitere Mitarbeiterinnen sexuell genötigt oder belästigt haben. Dazu kommt der Verdacht, er habe von illegalen Abhöroperationen gewusst und Geld aus einer Amtskasse verwendet, um Verwandten und Freunden Geschenke zu kaufen. Der Präsident will zurücktreten, sollte der Staatsanwalt tatsächlich Anklage erheben. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

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