Wr. Neustadt: Flutgefahr ohne Regen

23. Oktober 2006, 14:37
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Anrainer machen versickernden Bach für steigende Grundwasserpegel mit verantwortlich, der Magistrat "natürliche Ursachen" allein

Wiener Neustadt – Zwar steige der Grundwasserspiegel weiter, aber inzwischen immerhin langsamer, schildert Franz Berger, Dienststellenleiter des Wiener Neustädter Umweltmagistrats: "Derzeit schaut es so aus, als werde die Stadt bei den Grundwasserüberflutungen heuer mit einem blauen Auge davonkommen."

Mit einem blauen Auge, und damit mit trockenen Füßen, weil der Pegelstand des größten mitteleuropäischen Grundwassersees in der Mitterndorfer Senke, auf dessen Schotterfundamenten Wiener Neustadt erbaut ist, pro Woche derzeit "nur mehr um vier bis fünf Zentimeter" zunehme. In den Sommermonaten – so Berger – habe der Pegel noch "um 15 bis 17 Zentimeter wöchentlich" zugelegt, sodass er etwa unterhalb des Stadtteils Föhrensee von – im März – 262,50 Meter über Adria auf – vergangenen Freitag – 266,76 Meter zugenommen habe.

Die nasse Bedrohung von unten hat manchen Föhrenseer Anrainer in Angst und Schrecken versetzt – vor allem Bewohner tief liegender Häuser nahe des lokalen Schotterteichs. Von Woche zu Woche haben sie gewartet, ob die Flut in ihre Keller eindringen werde, haben sich Pumpen angeschafft.

Manch einer der Betroffenen sieht den Frauenbach als bestimmende Ursache für sein Problem an: Einen aus dem Hohe-Wand-Massiv in Richtung Wiener Neustadt fließenden Wasserlauf, der 150 bis 300 Liter Wasser pro Sekunde transportiert. Auf natürlichem Weg würde er in die Kleine Fischa einmünden, doch seit extensiven Schotterabbauten in den 1970er- und 1980er-Jahren versickert der Frauenbach in einer Schottergrube.

Auf diese Art – so die Föhrenseer Anrainer – werde der Grundwassersee bis zum Übergehen angereichert. Doch hier widerspricht Berger: "Höchstens zwanzig bis dreißig Zentimeter des Grundwasserpegels" seien dem Frauenbach geschuldet, dessen Einmündung in die Kleine Fischa außerdem gerade rückgebaut werde; Arbeiten, die 2007 abgeschlossen sein sollen.

"Salat auf den Bäumen"

Das Wiener Neustädter Grundwasserproblem habe vielmehr "natürliche Ursachen", erläutert der Magistratsbeamte. Es wiederhole sich "schon seit Jahrhunderten immer wieder": In Jahren, wo auf Rax und Schneeberg im Winter besonders viel Schnee falle, der durch rasche Temperaturtanstiege "im Frühjahr rasch schmilzt, so dass das Wasser nicht nur durch die Flüsse, sondern auch ins Grundwasser hinein abfließt". So, wie es etwa auch in den Jahren 1954, 1959, 1997 und 2003 gewesen sei. Durch den Schotterboden arbeiteten sich die Wassermasssen dann in den folgenden Monaten bis in die Mitterndorfer Senke unterhalb von Wiener Neustadt vor: "In früheren Jahrhunderten hat es dann halt geheißen, dass 'der Salat auf den Bäumen wächst'." (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10. 2006)

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