Ohne Genehmigung am Gletscher gebaut

20. Oktober 2006, 18:42
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Pitztal: Ohne Vorliegen eines gültigen Bescheides ließen die Gletscherbahnen die Bagger auffahren

Der Bau des umstrittenen Notweges aus dem Pitztaler Gletscherskigebiet entwickelt sich zum Kriminalfall. Ohne Vorliegen eines gültigen Bescheides ließen die Gletscherbahnen die Bagger auffahren. Der angeordnete Baustopp wurde erst im zweiten Anlauf befolgt.


Innsbruck - "Wir stehen unter einem enormen Zeitdruck", sagt Willi Krüger, Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahnen entwaffnend offen. Drei Bagger hatte das Unternehmen am Wochenende im Einsatz, um den "Notweg" in die hochsensible Landschaft zu graben und zu sprengen. Samstagabend untersagte die Bezirkshauptmannschaft Imst telefonisch Krüger die Bauarbeiten. Als am Sonntag weitergearbeitet wurde, schickte die BH den Hubschrauber des Innenministeriums und flog die Bauarbeiter ins Tal.

Wie berichtet, hatten die Gletscherbahnen in der Vorwoche mit ihrer x-ten Projektvariante innerhalb von sechs Jahren Erfolg. Die BH segnete den Bau eines Notwegs ab, nachdem die Seilbahnbehörde im Verkehrsministerium gedroht hatte, zwei erneuerten Liften die Betriebsbewilligung zu verweigern, wenn bei einem Stillstand der Stollenbahn kein Evakuierungsplan vorliegt. Hartnäckig halten sich Gerüchte, wonach der Druck aus Wien auf politischer Ebene akkordiert war. Denn der "Notweg" ist zugleich Bauweg für die Erweiterungspläne am Gletscher.

Am Donnerstag hatte Landesumweltanwalt Sigbert Riccabona gegen den Bescheid berufen - auf Wunsch von Naturschutzlandesrätin Anna Hosp (VP) im Eiltempo. Zugleich hat Hosp die Berufungsbehörde bei der Umweltabteilung des Landes aufgefordert, noch diese Woche über Riccabonas Einwände zu entscheiden. Der politische Druck auf die Beamten ist enorm - vor zwei Wochen hatte die ÖVP in St. Leonhard über 15 Prozent verloren.

Heikle Sicherheit

"Man hat uns kein Sicherheitskonzept vorgelegt, das von der Bergstation bis hinunter ins Tal reicht", sagt Riccabona. Um die UVP-Pflicht der bisherigen Varianten zu vermeiden, hat man den Weg in zwei Abschnitte geteilt: Jenen am Gletscher und jenen anschließend im steilen, felsigen Gelände. Ein Blick auf den spaltenreichen Gletscher genügt, um sich auszumalen, wie heikel es wäre, tausende Menschen in Panik und bei schlechter Sicht an den Spalten vorbeizuschleusen, meint Riccabona.

Krüger wertet das als "reine Verzögerungstaktik", man werde eine Ratrac-Spur legen, sowie Markierungen und Netze in den Gletscher rammen. Das Risiko einer Strafe habe er "aus Verantwortung für die Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze" auf sich genommen, sagt Krüger und will erst vom Standard erfahren haben, dass diese höchstens 20.000 Euro betragen kann. Dazu Riccabona: "Wir haben immer konstruktiv nach Lösungen gesucht, aber kein anderes Unternehmen ist in seinem Projektmanagement so renitent und widerborstig wie die Gletscherbahnen."

Weit gehend erledigt hat sich eine E-Mail von Hosp an die Wegplaner. Darin hatte sie diese aufgefordert, sich mit Riccabona und dem Alpenverein in Verbindung zu setzen, um durch Umplanungen im unteren Teil des Weges wertvolle (und eigentlich streng geschützte) Moränen zu retten. Einige sind seit dem Wochenende bereits plattgewalzt. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10. 2006)

  • Spalten säumen den geplanten Notweg zur Evakuierung des Gletscherskigebiets im Pitztal. Warnungen werten die Gletscherbahnen als Verzögerungstaktik.
    foto: j. essl/oeav

    Spalten säumen den geplanten Notweg zur Evakuierung des Gletscherskigebiets im Pitztal. Warnungen werten die Gletscherbahnen als Verzögerungstaktik.

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