Täglich eine neue Fassung: Vierte Burg-Werkstattnacht

16. Oktober 2006, 21:09
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Vier Regisseure und rund zwei Dutzend Schauspieler präsentierten Stückanrisse von acht neuen Schreibenden

Wien - Politik ist out, Befindlichkeit in. An diesem gesellschaftlichen Konsens lässt sich auch die Textproduktion der jüngsten bis jungen Theatergeneration messen. In den bei der heurigen vierten Werkstattnacht des Burgtheaters vorgestellten neuen Dramen sind es Fragen nach individueller Schuld und Freiheit oder dem Befremden unter den Menschen, die Autoren zwischen den Jahrgängen 1967 und 1983 antreiben.

Der totalen Vereinzelung der Gesellschaft folgt jetzt das Schreiben der damit Konfrontierten. Acht deutschsprachige Autorinnen und Autoren haben unter der Leitung von Dramaturg Andreas Beck zwei Wochen lang mit analytischer und praktischer Tatkraft aus dem Theaterbetrieb Stückentwürfe weiter ausgearbeitet.

Eingeladen werden jeweils, so Beck, "Persönlichkeiten", also Schreibende, die bereits mit einem Verlag zusammenarbeiten und szenisches Schreiben studieren/studiert haben oder aber zwei Gutachten von Theatermachern vorlegen können. Die Altersgrenze von unter 35 Jahren überlegt man zu lockern.

Zwei Regisseurinnen (Barbara-David Brüesch, Jette Steckel) und zwei Regisseure (Rudolf Frey und Johannes Rieder) präsentierten mit zwei Dutzend Burgschauspielern im Kasino am Schwarzenbergplatz Stückanrisse, die ungleich schwer Rückschlüsse auf das dahinter liegende Gesamte zuließen.

So bleibt das aufwändige Familiendrama der georgischstämmigen Deutschen Nino Haratischwili, 3 Sekunden, kaum erahnbar. Eine Szene aus Ewald Palmetshofers (OÖ) pointiertem, aus Kaskaden amputierter Sätze sprachlich effektvoll gezimmertem wohnen. unter glas hingegen entfaltet im Spiel von Joachim Meyerhoff, Pauline Knof und - als Gast - Anna-Franziska Srna seine besondere Wirkung.

Nina Ender (Erlangen) entwickelt in Gesichter aus einem Unfall das Schicksal zweier Schwestern, die Hamburgerin Johanna Kaptein konzentriert sich auf die Macht einer verschwundenen Frau (Isabell), Lothar Kittstein (geboren in Trier) hat seinen Einakter Vogelhaus in einen Dreiakter umgewandelt; er situiert eine angespannte Brüdergeschichte in einer Fertighausfirma.

Mit dem Gedächtnisverlust ihres Mannes hat auf groteske Art eine Frau in Christopher Kloebles Morgen war Gestern zu kämpfen. Der Münchner sucht darin eine Gemeinsamkeit ohne Vergangenheit.

Die bemerkenswertesten Arbeiten trug diesmal die Schweiz bei. Gerhard Meister beschreibt in Fluchtburg die Lebens- und Wohnform der Gated Community als Gruft, in der Verwesungsfantasien am lebendigem Leib lustig gedeihen. "Ich verwese, und wie war dein Tag?"

Und was alles ein Dialog sein kann, das bewies Laura deWeck mit ihrem aus Sprachrudimenten gebauten, verblüffenden Text SumSum, einer Liebesgeschichte in der Fremde. Davon gerne mehr. (Margarete Affenzeller /DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

  • Szene aus "Fluchtburg" von Gerhard Meister
    foto: barbara pálffy /burgtheater

    Szene aus "Fluchtburg" von Gerhard Meister

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