Helden des Umbruchs: Bellini, Giorgione, Tizian im Kunsthistorischen Museum

17. Oktober 2006, 12:28
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Meisterwerke der venezianischen Renaissance und ein dechiffrierter Code spannen einen sechzig Gemälde fassenden Bogen über drei entscheidende Jahrzehnte

Wien - Und so "ganz nebenbei" wurde auch ein Rätsel gelöst, das bisher bloß Fachleuten, denen aber seit Jahrhunderten, eines war: der "Giorgione-Code". Nicht nur, dass es dem Wiener Kunsthistorischen Museum in Zusammenarbeit mit der National Gallery of Art in Washington gelungen ist, mit Bellini, Giorgione, Tizian und die Renaissance der venezianischen Malerei eine höchst bemerkenswerte, etwa sechzig erstklassige Gemälde umfassende Schau zur venezianischen Kunst des 16. Jahrhunderts zusammenzutragen, auch drei Philosophen konnten endlich erkannt werden:

Nicht etwa die drei Weisen aus dem Morgenland zeigt Giorgiones 1506 entstandenes Gemälde Drei Philosophen, sondern ganz konkret Pythagoras, Thales und Pherekydes sind es, die ebenso für die Entstehung der Philosophie wie auch für den Dialog von Islam, Judentum und antikem Heidentum stehen.

Die Wiener Altphilologin Karin Zeleny hat den Code geknackt. Zum einen diente Polydorus Vergilius Standardwerk über antike Erfinder von 1499, in welchem Thales, Pherekydes und Pythagoras als Gründerväter der Philosophie genannt werden, als Quelle. Zum anderen konnte Zeleny mit einer historisch gerechten Deutung - "Wir dürfen nicht unser heutiges Wissen über die antiken Philosophen heranziehen, sondern müssen denken, wie ein Renaissance-Gelehrter dachte und lesen, was er las." - von Kleidung, Symbolen und der "abstrusen", weil offensichtlich von zwei Lichtquellen herrührenden, Beleuchtungssituation der Gruppe. Thales jüdische Kleidung erklärt sie mit dessen phönizischer, also "fast jüdischer" Herkunft.

Körper im Verhältnis

Die Darstellung des Pherekydes als Muslim basiert auf einem Missverständnis: Er stammte von der ägäischen Insel Syros, was durch Eusebius als "syrische" Abstammung gedeutet wurde. Bleibt Pythagoras: Sein Körper bildet in Giorgiones Gemälde ein rechtwinkeliges Dreieck im "pythagoräischen" Verhältnis 5:4:3 aus. Und: Als "Sohn Apollons" wird er von seinem Vater bestrahlt - die zweite Lichtquelle kommt aus dem Felsen mit Quelle, dem Apolloheiligtum von Didyma, das auf Artemis, Apollos ebenso strahlende Zwillingsschwester Bezug nimmt.

Egal: Auch ohne die Aura dieses Geheimnisses bleiben die Drei Philosophen Giorgiones eines der bedeutendsten Gemälde der venezianischen Renaissance, das ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dem Landschaftsraum zu einem gleichsam emanzipierten Bedeutungsträger ins Bild zu rücken. Noch weit intensiver kommt dieses Anliegen bei Giorgiones Sonnenuntergang von 1507 zum Tragen: Die heiligen Antonius, Georg und Rochuns sind nebst einigen an Hieronymus Bosch orientierten hybriden Tieren "nur" noch Teil der von transitorischen Lichteffekten bestimmten Landschaft.

Neben Giorgione lag es vor allem an Giovanni Bellini und Tizian, traditionelle Themen radikal neu zu formulieren und neue Bildtypen - die idyllische Landschaft, erotische Frauendarstellungen, dramatische Porträts - in die Malerei einzuführen.

Als Beispiel des Überwindens althergebrachter Darstellungskonventionen steht etwa Giovanni Bellinis Sacra Conversatione Vernon aus den Birmingham Museums and Art Gallery in der Schau im Kunsthistorischen. Bellini stellt die Szene nicht mehr in einen (Kirchen-)Innenraum, sondern in eine lichterfüllte Landschaft und beginnt, die Szene zu dynamisieren: Körperhaltungen und Gestik nähern sich einer "echten" Kommunikation unter lebenden Menschen.

In Tizians ländlichem Konzert von 1510 aus dem Pariser Louvre ist die Landschaft durchgestaltete Folie für erotisches Geschehen - famos gesteigert im Venusfest von 1519, als Halbfigurendarstellung in seiner Flora um 1520 ungemein lebendig auf den Punkt gebracht. (Markus Mittringer /DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2006)

KHM
Bis 7. Jänner
  • Ob ihrer Schönheit und Sinnlichkeit gilt Tizians "Flora", entstanden um 1520, als dessen gelungenstes Frauenbildnis.
    foto: galeria degli uffizi

    Ob ihrer Schönheit und Sinnlichkeit gilt Tizians "Flora", entstanden um 1520, als dessen gelungenstes Frauenbildnis.

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