Orakel von Delphi enträtselt

24. Oktober 2006, 17:06
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Griechische Priesterinnen litten an Atemnot und waren deshalb benebelt, behauptet Forschergruppe

Das Orakel von Delphi: Waren die griechischen Priesterinnen bekifft oder von berauschenden Erdgasen umnebelt, wie die Wissenschaft lange Zeit vermutete? Weder noch, behauptet nun eine Forschergruppe - sie litten schlicht an Atemnot, waren deshalb benebelt.

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Rom - Bevor es gegen die Perser zu Felde ging, wollte es König Krösus genau wissen: Der Herrscher von Lydien schickte 550 v. Chr. Gesandte nach Griechenland, um im Apollontempel das Orakel von Delphi zu befragen. Dort saß die Priesterin in einer engen verschlossenen Kammer, dem Adyton, und aus einer Erdspalte quoll süßlicher Dunst. Davon umhüllt, lallte sie Unverständliches, die Orakelpriester übersetzten: "Wenn Krösus den Grenzfluss Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören." Siegessicher zog er in die Schlacht. Sein Heer ging unter - zu spät erkannte Krösus die Zweideutigkeit der Weissagung: Er hatte sein eigenes Reich zerstört.

Trotz derartiger Verständnisprobleme sind über Jahrhunderte hinweg Menschen nach Delphi gepilgert, um das Orakel zu hören. Ihre Weisheit müssen die Pythien, wie die Priesterinnen genannt wurden, den Quellen zufolge in einer Art Rauschzustand erlangt haben. Nach langem Rätseln haben Geologen nun eine glaubhafte und nüchterne Erklärung für die Natur dieser Dämpfe veröffentlicht. Demnach war es kein Rauschmittel, das die antiken Priesterinnen zum Orakeln anregte, sondern simple Atemnot.

Es war eine Sensation, als Archäologen Ende des 19. Jahrhunderts unter einem Bauerndorf nahe der Stadt Delphi an einem Hang des Berges Parnassos den Apollontempel ausgruben: eine rechtwinklige Anlage aus Säulengängen, Statuen und Mauern. Dampfende Erdspalten indes suchten die Forscher an der ehemaligen Stätte des Orakels vergebens. Aus dem festen Steinboden hatten unmöglich Gase entweichen können, zumal es keine vulkanische Aktivität dort gibt. Hatten die Orakelpriester Kräuter verbrannt, pflanzliche Rauschmittel?

Die Geschichte vom süßen Dunst aus der Erde wurde mehr und mehr zur Legende - bis Forscher vor sechs Jahren im Untergrund bei Delphi eine aktive Erdbebennaht fanden. Sogar zwei solcher Brüche kreuzten sich bei Delphi. Möglicherweise schnitten sich die Verwerfungen direkt unter dem Tempel. Bewegungen der Gesteinsplatten hätten den Boden zerrüttet, Wasser und Gase hätten aufströmen können.

Tatsächlich sprudeln noch heute zwei Wasserquellen am Tempel. Sie speisen sich vermutlich aus größerer Tiefe. Forscher fanden in den Quellen die Gase Methan, Ethan und Ethylen. Letzteres schien die Erklärung des Orakels zu liefern. Ethylendämpfe passen zu historischen Beschreibungen: Sie duften süßlich, machen benommen und schließlich euphorisch. Im Übermaß sind sie tödlich, was ebenfalls zum überlieferten Schicksal einer Priesterin passt. Ethylen musste das Rauschmittel der Pythien gewesen sein. Alles schien zu passen, das Rätsel des Orakels gelöst.

Doch nun hat eine italienisch-griechische Forschergruppe um Giuseppe Etiope vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Rom den Untergrund des Apollontempels genauer untersucht - und die bisherige Erklärung verworfen. Ethylen komme als Narkotikum nicht infrage, schreiben Etiope und seine Kollegen in der Oktober-Ausgabe des renommierten Fachmagazins "Geology". Der flüchtige Stoff, der sich sehr schnell mit anderen verbindet, habe sich zu keiner Zeit wirksam anreichern können. Das zuvor nachgewiesene Ethylen stamme nicht aus der Tiefe, sondern von Bakterien nahe der Oberfläche. Die mageren Ausdünstungen könnten kaum gerochen werden, geschweige denn berauschen.

Gleichwohl seien dem Boden einst ansehnliche Schwaden von Kohlenwasserstoff entfleucht, schreiben die Forscher. Der sei jedoch aus den vergleichsweise simplen Erdgasen Methan und Ethan entstanden. Dichte Wolken dieser Gase und auch Kohlendioxid seien einst aus Rissen unter der Orakelkammer gequollen und hätten die Priesterinnen buchstäblich benebelt, mutmaßen die Forscher. Die Sauerstoffarmut, die entstehende Atemnot in dem geschlossenen, engen Tempelraum habe schließlich Halluzinationen ausgelöst. Tatsächlich haben die Wissenschafter ausgerechnet dort, wo nach Meinung von Archäologen das Adyton lag, stark erhöhte Methan-Werte im Boden gemessen.

Verbrannte Essenzen

Der Effekt sei möglicherweise verstärkt worden, indem Kohle oder Essenzen verbrannt wurden. Für den süßen Geruch hätten aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol gesorgt, die aus den Bitumen-Schichten im Untergrund stammen. Noch heute blubbert im Untergrund viel Kohlendioxid, Ethan und Methan. Ursache seien die vergleichsweise hohen Erdtemperaturen unter dem Tempel, bei denen sich Kohlenwasserstoffe aus dem Bitumen lösen. Eine aktive Erdbebenspalte direkt unter dem Apollontempel halte den Boden durchlässig. (Axel Bojanowski, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2006)

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