Die Kunst und die Post. Eine Chance

30. Juni 2000, 19:21

Die FPÖ steht offenbar vor der Einrichtung eines Dramatiker-Informationsdienstes


Harald F. Petermichl

Sprechen wir über die so genannten Medien, denn meinen wir heute automatisch die Massenmedien, also Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, das Web und so weiter. In all diesen Vermittlungsorganen wird natürlich unter anderem auch in irgendeiner Weise über Kunst und Kultur gesprochen oder geschrieben, manchmal gibt es auch nette Fotos, und so wird uns das alles hübsch aufbereitet und mehr oder weniger stilsicher vermittelt.

Aber, machen wir uns nichts vor: Haben wir nicht in der Aufzählung etwas ganz Entscheidendes vergessen, was laut Definition ebenfalls unbedingt in die Reihe der Massenmedien gehört? Der Große Brockhaus definiert nämlich im Band 14 "Medien" als "Vermittlungssysteme für lnformationen aller Art (Nachrichten, Meinungen, Unterhaltung); ihre Funktion ist der Transport von Inhalten." Kaum drei Bände weiter finden wir eine frappierend ähnliche Definition, nämlich "die Gesamtheit der Einrichtungen zur Übermittlung von Gegenstäden und Nachrichten". Und dieser Satz gehört, Sie ahnen es natürlich bereits, zum Stichwort "Post- und Fernmeldewesen".

Nun hat ja die Post in gewissen Kreisen einen zweifelhaften Ruf. So hat etwa Robert Gernhardt schon vor 20 Jahren in seinem Text "Protestsong-Workshop" die denkwürdigen Zeilen geprägt: "Mutter, ach Mutter, Dein Sohn ist bei der Post - Mutter, ach Mutter, ist er denn noch bei Trost?" Aber darum soll es hier erst mal nicht gehen.

Denn angesichts des Stichwortes "Post" können wir schlagartig mit heiterem Herzen die düsteren und kulturpessimistischen Niederungen des allgemeinen Lamentos über den nicht adäquaten Stellenwert von Kunst und Kultur in den Medien verlassen und uns frohen Mutes dem Phänomen der Kunst-und Kulturvermittlung durch das Massenmedium Post zuwenden.

Wenn Sie vermuten, ich hätte möglicherweise in meinem jugendlichen Leichtsinn etwas mit der Postmoderne durcheinander gebracht, dann muss ich Ihnen leider sagen: Nein, Sie täuschen sich zweifellos ganz entsetzlich; ich will Ihnen vielmehr einen mir bisher gänzlich neuen Ansatz der Kunst- und Kulturvermittlung präsentieren, auf den ich letzte Woche glücklicherweise und auch noch zufälligerweise gestoßen bin.

Man bekommt ja als Theaterleiter in Vorarlberg leider nicht so oft Post aus Wien. Der Weg ist weit und dann ist da noch dieser Arlberg dazwischen und manchmal hat es auch Schnee oder Hochwasser. Aber, o glückliche Fügung: Am Morgen des 20. Juni lacht mich auf meinem Schreibtisch ein großformatiger Umschlag mit dem Poststempel Wien an.

Post aus der Hauptstadt

"Aha!", denke ich, Post aus der Hauptstadt, der Tag könnte doch noch ganz gut werden, obwohl der Kaffeeautomat seit gestern Abend defekt ist. Die Neugier steigert sich fast ins Pathologische, als ich auf dem Freistempleraufkleber den Absender lese: "Freiheitlicher Parlamentsklub, 1017 Wien". Erneut denke ich "Aha!" Da werden sicher schöne bunte Prospekte mit glücklichen Familien, verschneiten Bergen und hübschen Menschen drin sein, in die man später CDs von Mariah Carey einwickeln kann, um irgendwelchen Menschen zum Geburtstag möglicherweise eine kleine Freude zu machen. Oder vielleicht sogar einer von diesen Kinderschecks.

Diesen Gedanken muss ich allerdings umgehend verwerfen, weil mir einfällt, dass ich gar keine Kinder habe. Schnell ist der Umschlag geöffnet, aber, ach, wie schnell ist die Vorfreude auf die bunten Prospekte dahin, als mich nur ein weißes Blatt anstarrt mit dem Absender "Europäisches Parlament - EU-Büro der FPÖ - Mag. Peter Sichrovsky -Mitglied des Europäischen Parlaments". Trotz meiner Enttäuschung denke ich erneut "Aha!", aber schon nicht mehr ganz so entschieden wie vorhin und lese dann noch die lakonischen Sätze "Sehr geehrter Herr Intendant! Ich erlaube mir, Ihnen hiermit mein neuestes Stück ,Der Kanditat' (sic!) vorzustellen. Mit freundlichen Grüßen ... " und dann folgt eine leider unleserliche Unterschrift: "I. A. Waldmann", oder "Waldheim", könnte auch "Waldmac" heißen.

Nun weiß ich leider nicht, ob alle deutschsprachigen Theater diesen netten Brief bekommen haben, das wäre vermutlich viel zu teuer, weil so ein Brief kostet ja 2000 Groschen Porto und das EU-Büro der FPÖ muss sicher auch sparen, um zum Belastungsstopp beizutragen. Vielleicht gibt es den Brief ja auch nur ein zweites Mal und der ist dann zum Beispiel an das Büro des ehemaligen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes in Klagenfurt expediert worden oder vielleicht von irgendeinem netten Kollegen direkt noch Klagenfurt mitgenommen worden, im Auto, das ist sicher viel günstiger.

Zum letzten Mal denke ich "Aha!", bevor mir klar wird, welche Perspektiven eigentlich in diesem neuen Verfahren stecken. Man weiß ja, dass die meisten Theaterautoren finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind und kein Geld für Porto haben, um ihre Stücke an die Theater zu schicken. Die rufen einen persönlich an und erklären, worum es im Stück geht und man kann es sich dann doch nicht merken, oder versteht es nicht, weil der Betriebsrat grade was von einem will, was man auch nicht versteht, und dann wird wieder nichts aus der hoffnungsfrohen Uraufführung.

Aber durch die grundlegende und bahnbrechende Neuerung des EU-Büros der FPÖ - ich möchte fast von einem Quantensprung sprechen - liegen vor uns ungeahnte Möglichkeiten der Distribution neuer Theatertexte über das Medium Post. Dann nämlich, wenn die FPÖ einen Dramatiker-Informationsdienst einrichtet, FDI oder DIF, das müsste man noch besprechen, und sagen wir, einmal im Monat ein dickes Paket verschickt, mit ganz vielen Theatertexten von jungen Autorinnen und Autoren und einem netten Brief von Herrn Sichrovsky, der sich erlaubt, die neuen Stücke von Weiß-nicht-wem vorzustellen.

Das wäre dann ein gelungenes Beispiel dafür, wie hoch der Stellenwert von Kunst und Kultur in den Medien sein kann. Dann nämlich, wenn es sich um das Medium Post handelt und wenn ein so klares Kulturkonzept wie das der FPÖ dahinter steht. Außerdem bekäme man dann öfter mal wieder Post aus Wien, und das freut einen dann doch immer wieder sehr.
Harald F. Petermichl ist seit 1999 Intendant am Theater für Vorarlberg in Bregenz. Der vorliegende Text wurde gestern, Freitag, im Rahmen der "Bizauer Gespräche" zum Thema "Kunst - Medien - Politik" verlesen.

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