Putztrupps für Wahlkampfschutt

18. Oktober 2006, 16:01
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Gespannte Ruhe vor der zweiten Verhandlungsrunde zwischen ÖVP und SPÖ

Die ÖVP verlangte von der SPÖ nicht nur Kotaus und Ehrenerklärungen, sondern auch, die „ungeheurlichen Dinge“ von der SPÖ-Homepage zu entfernen. Dabei hatte die ÖVP bis Montag selbst noch jede Menge Wahlkampf-Schmutz online – etwa in der Steiermark.

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Wien – Tag 17 nach der Wahl, und immer noch geht es zwischen ÖVP und SPÖ um emotionale Vergangenheitsaufarbeitung aus Wahlkampfzeiten.

Als vertrauensbildende Maßnahme hatte ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel bei der ersten Koalitionsverhandlungsrunde Freitag vergangene Woche neben einer Entschuldigung von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer für den roten „Lügen-Wahlkampf“ auch verlangt, „ungeheuerliche Dinge“ von der SPÖ-Homepage zu entfernen, ehe man mit den inhaltlichen Verhandlungen und der Suche nach „Impfstoffen des Positiven“ beginnen könne.

ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka hatte in diesem Zusammenhang von einem „beispiellosen US-israelischen Schmutzkübel-Wahlkampf“ der SPÖ gesprochen – was nicht von ungefähr Assoziationen aus der Waldheim-Ära weckte. Beim Wahlkampfschutt-wegräumen ist die ÖVP aber selber säumig: Zwar präsentiert sich ihre seit dem Wahldebakel umgestaltete Bundeshomepage lammfromm und ausgeprochen staatstragend mit dem neuen Slogan „Für Österreich kämpfen. Gemeinsam stark. Den Menschen im Wort.“ Von den vielen Anti-SPÖ-Elementen aus Wahlkampfzeiten gibt es hier keine Schmutzspuren mehr.

Viele der zahlreichen schwarzen Negativ-Kampagnen-Accsessoires aus der Zeit vor dem 1. Oktober sind aber nach wie vor im Internet zu finden: etwa auf der von der steirischen ÖVP-Parteileitung registrierten Domain www.vovesflops.at. Dort kann sich, wer will, etwa nach wie vor mithilfe einer virtuellen Lupe das von der ÖVP-Mitbewerber-Beobachtungsabteilung mit viel Liebe zum Detail gestaltete „rote Netzwerk“ mit dem Titel „Der Filz der Gusenbauer-SPÖ“ anschauen. Darin wird der SPÖ-Parteichef in Verbindung zum Bawag-Spekulanten Wolfgang Flöttl gebracht.

Relikte aus dem Netz

Früher war das von ÖVP-Wahlkampfleiter Lopatka und ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer immer wieder strapazierte und mit Namen prominenter Roter gespickte Spinnennetz auf der Stammseite der ÖVP zu finden.

Besucher mit Hang zum Online-Vernadertum können auf vovesflops.at übrigens derzeit ihren „persönlichen SPÖ-Skandal“ posten. Auch „Dr. NO und seine SPÖ-Neinsager“, ein weiteres Relikt aus der ÖVP-Wahlkampfwerkstatt, hat im steirischen Netz-Exil überlebt.

Bei der ersten Verhandlungsrunde hatten sich beide Koalitionspartner in spe als Beweis für die Verwerflichkeit des jeweils anderen noch angerührt Zeitungsartikel vorgehalten. Am Dienstag sollten sie lieber ihre Laptops dabeihaben. Um dann endlich von den „ungeheuerlichen“ zu den wirklich wichtigen Dingen zu kommen. (Barbara Tóth/DER STANDARD,Printausgabe, 16.10.2006)

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