Wiener Unternehmen erforscht "Medizin aus dem Meer"

27. Oktober 2006, 12:59
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Wirkstoffe bei Korallen in eigens angelegten Aqua-Kulturen gesucht

Wien - Wirkstoffe aus Pflanzen stehen bei Forschern seit langem hoch im Kurs. Weniger Bedeutung wurde bisher der Tierwelt unterhalb des Meeresspiegels zugemessen. Diesen Umstand will das im Frühjahr in Wien gegründete Biotech-Unternehmen Marinomed durch die Erforschung von kultivierbaren Organismen - vor allem Korallen - ändern, um Wirkstoffe für neue Therapiemöglichkeiten herzustellen. Bisher konnten schon vier Patente aus den Aqua-Kulturen "gefischt" werden.

"Rund ein Prozent aller Pflanzen erzeugt pharmazeutisch interessante Substanzen, bei Meeresorganismen sind es rund fünf Mal so viel. Dennoch würde eine Liste von Medikamenten, die aus dem maritimen Bereich stammen, wohl sehr kurz ausfallen", erklärte Marinomed-Chef Andreas Grassauer gegenüber der APA. Gründe dafür seien Vorbehalte, dass Wirkstoffe aus dem Meer "nicht ausreichend vorhanden", "nicht reproduzierbar" beziehungsweise "so komplex sind, dass die Kosten für eine industrielle Herstellung zu hoch wären".

Ressource

Grundsätzlich sei das Meer eine reichhaltigere Ressource als die Pflanzenwelt, die aber schon seit Jahrhunderten erforscht werde. "Das Meer hat sich noch nicht als gut gefüllter Medizinschrank etabliert. Diesen Umstand auf ökologisch verträgliche Weise zu ändern, ist unser Ansatz", so Grassauer. Dazu wurden an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW) Aqua-Kulturen angelegt und mit rund 250 verschiedenen Arten - hauptsächlich Korallen, die aus dem Handel bezogen werden - befüllt.

Die marine Biotechnologie habe bisher einen anderen Ansatz verfolgt. "Auf das Meer fahren, alles einsammeln und nach einem Wirkstoff suchen: Der wurde nach einem etwaigen Erfolg allerdings anschließend nie wieder gefunden", beschreibt der Biotechnologe die Nachteile dieser Vorgangsweise. "Reproduzierbare Biomasse ist extrem wichtig. Deshalb vermehren wir die Korallen vor der Untersuchung, um ein Backup zu haben. Wenn ich einen Wirkstoff finde, muss ich in der Lage sein, ihn immer wieder herzustellen", so Grassauer. Wirkstoffe, die nur direkt am Riff gewinnbar seien, hätten für Pharmafirmen keine Bedeutung.

"Kampf um Siedlungsraum"

Der Lebensraum der Korallen würde in den Aquarien möglichst klein gehalten, um einen "extremen Kampf um Siedlungsraum auszulösen". "Möglichst viele Arten auf möglichst kleinem Raum: Der ökologische Faktor Konkurrenz - etwa durch Fressfeinde oder mikrobakteriellen Befall - erhöht die Produktion von Wirkstoffen. Korallen können ja nicht weglaufen, daher ist diese Art der Abwehr sehr effektiv. Bei der Herstellung der Umgebungssituation seien "sowohl technisches Know-how als auch biologisches Fingerspitzengefühl" notwendig.

Maritime Wirkstoffe seien zwar vor rund 20 Jahren auch in das Blickfeld großer Pharmafirmen gerückt. Die Furcht vor einem negativen Image - Stichwort "Raubbau an der Natur" - hätte aber in vielen Unternehmen dazu geführt, entsprechende Projekte wieder einzustellen. Das Problem der Reproduzierbarkeit, mangelndes Know-how in der Kultivierung und die schwierige synthetische Herstellbarkeit waren weitere Stolpersteine. Außerdem sei die Zusammenarbeit von Meeresbiologen und wirtschaftsorientierten Pharmazeuten bisher eher schwierig gewesen.

Kerngeschäftsfelder

Als Kerngeschäftsfelder von Marinomed sieht Grassauer einerseits die kurz- bis mittelfristige Produktion von maritimen Wirkstoffen für Allergien und Immunologie. "In diesem Bereich haben wir bereits vier Patente angemeldet und führen derzeit Gespräche mit interessierten Unternehmen." Der langfristige Ansatz in der Forschung nach Substanzen für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten bis hin zum onkologischen Bereich dürfte hingegen rund zehn Jahre dauern. Die dritte Säule sei der Verkauf von "Extrakten, die uns nicht interessieren". Erste Partnerschaften und Einnahmen erwarte man ab 2008. "Der rasche finanzielle Erfolg ist auch notwendig, weil so viel Geld in Österreich für Forschung über einen Zeitraum von zehn Jahren nicht aufzutreiben ist."

Finanziert wird das im März 2006 gegründete Unternehmen durch Förderungen in Höhe von 50.000 Euro vom universitären Gründerservices INiTS und 500.000 Euro von der Förderbank austria wirtschaftsservice (aws). Rund 80 Prozent der Mittel fließen derzeit in die anwenderorientierte Forschung, 20 Prozent in langfristigere Projekte. Die VetWIDI Forschungsholding, eine Tochter der VUW, hält 12,5 Prozent an dem Unternehmen. (APA)

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