Mangel an Spitzenkräften - Deutschland fehlen helle Köpfe

24. Oktober 2006, 10:32
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BITKOM fordert Ausbildung entlang industrieller Anwendungsorientierung

Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) bleibt Deutschland bei der Ausbildung von Spitzenkräften im internationalen Vergleich weiter abgeschlagen. Die Studie orientiert sich hierbei vor allem an den Absolventenzahlen in den technisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern. Beklagt wird hierbei die mangelnde Innovationskraft durch rückläufige Ausbildungskapazitäten. Laut Walter Raizner, Vizepräsident der BITKOM, "wird Deutschland in einigen Jahren die kritische Masse heller Köpfe fehlen, um Basisinnovationen zu entwickeln und daraus marktfähige Produkte und Services zu machen".

Im Gespräch mit pressetext weist Stephan Pfisterer - Bereichsleiter Bildung, Personal, E-Learning des BITKOM - darauf hin, dass "die kritische Masse in Deutschland gehalten werden muss, um qualitative Anwendungen offen zu halten". Daher fordert der Experte tief greifende Veränderungen im Bildungssystem, wobei die "Schule nicht länger als ingenieurfreie Zone" gesehen werden darf.

Als wesentliche Ursache für diesen rückläufigen Trend werden die seit den letzten zehn Jahren abnehmenden Absolventenzahlen in technischen Studienfächern angeführt. So bildet Deutschland im internationalen Vergleich eine relativ geringe Anzahl von Akademikern aus. Bei nur 21 Prozent Akademikerquote liegt die Bundesrepublik - betrachtet man den Durchschnitt der OECD-Länder mit 35 Prozent - relativ weit abgeschlagen. Rainzer zufolge "ist das deutsche Bildungssystem in die Jahre gekommen und hat strukturelle Eigenheiten entwickelt, die gleichermaßen für Schüler, Studierende und die Wirtschaft nachteilig sind". Dass Deutschland in dieser Hinsicht bald hinten anstehen wird, lässt sich laut Studie auch auf die starre Fokussierung traditioneller Bereiche wie Mathematik und Naturwissenschaften zurückführen. Kritisiert wird hierbei die fast ausschließliche Orientierung an Grundlagenforschung. Im Vergleich dazu bilden andere Industrieländer mehr anwendungsorientierte und somit in erster Linie wirtschaftlich zu vermarktende Ingenieure aus.

Das Beispiel Japan zeigt eine gänzlich andere Absolventenverteilung, da hierbei fünf Ingenieure nur einem naturwissenschaftlichen Absolventen gegenüber stehen. Kurz dahinter China, wobei ein Absolvent der Naturwissenschaften auf 3,5 Ingenieure technischer Studiengänge kommt. Deutschland offenbart mit seiner derzeitigen Situation gerade einmal ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Naturwissenschaftlern und Absolventen technischer Studiengänge. Deutlich wird dieses Verhältnis anhand des Jahres 2004 vor dem Hintergrund 37.000 deutscher Ingenieure und rund 820.000 in China.

Um in der globalisierten Welt auch weiterhin internationale Wettbewerbsfähigkeit leisten zu können, fordert Raizner "eine Verbesserung durch eine intelligente Bildungspolitik". Problematisch sei hierbei nicht die grundlegende Fähigkeit Deutschlands, wissenschaftliche Entdeckungen zu machen, als vielmehr die mangelnde Geschäfts- und Vermarktungsoffensive, wodurch "andere das Geschäft machen", so Raizner. Laut Pfisterer sollte nicht länger am koedukativen Bildungssystem festgehalten werden, weil sonst individuelle Potenziale bei Jungen und Mädchen nicht gleichsam gefördert werden könnten. Eine frühzeitige Technik- und naturwissenschaftliche Prägung träge somit dazu bei, dass Deutschland seinen Rücklauf aufholen kann, so Pfisterer.

Die Studie attestiert Deutschland im Bereich von Informatik- und allgemeinen Informationstechnologie-Studiengängen einen erheblichen Nachholbedarf. So sieht der deutsche Trend auch für die Zukunft nicht optimal aus, da die Absolventenzahlen in der Informatik von 17.000 im Jahr 2006 auf etwa 14.000 im Jahr 2010 prognostiziert absinken werden. Gegenmaßnahmen, so der BITKOM, sind neben dem Bürokratieabbau bei Zuwanderungsregelungen vor allem im Bereich der stärkeren Ausrichtung vieler Studiengänge an den Anforderungen der Wirtschaft vorzunehmen. Eine Attraktivgestaltung privater Investitionen sowie übergreifende Zusammenarbeit von Politik, Hochschulen und Industrie verspricht, so die Studie, für Deutschland einen machbaren Weg aus der Krise. Das Problem hoher Abbrecherzahlen bei technischen Studiengängen in Deutschland sieht Pfisterer durch eine das Studien begleitende Praxisorientierung gelöst. Somit könne die Motivation der Studentinnen und Studenten auch in Zukunft weiter gesteigert werden. In der Zusammenarbeit zwischen Industrie und Hochschule sei daher "vieles noch machbar", so Pfisterer.(pte)

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