Der knochige Einbruch im Alter

16. Oktober 2006, 12:37
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Rechtzeitig zum Welt-Osteoporose-Tag: Prophylaxe, neue Behandlungschancen für Männer und die gefährdeten Brustkrebspatientinnen

"Osteoporose ist sicher die am meisten unterschätzte Volkskrankheit in Österreich", erklärt der Grazer Osteoporose-Experte Kurt Weber. Etwa 750.000 Frauen und Männer in Österreich leiden daran. Die Folgen sind dramatisch: Wirbeleinbrüche aufgrund der porösen Knochenstruktur verursachen chronische Rückenschmerzen.

Betroffen - Altersgruppe 50plus

In der Altersgruppe über 50 Jahren ist bei beiden Geschlechtern ein Achtel der Bevölkerung betroffen, in der Gruppe über 75 Jahren steigt der Anteil noch einmal auf das Doppelte. Jährlich kommt es infolge von Osteoporose zu rund 12.000 Schenkelhalsfrakturen. 20 Prozent der Patienten überleben bereits die häufig mit Komplikationen einhergehende Operation nicht. Weitere 30 Prozent bleiben behindert. Nur jedes zweite Opfer erlangt nach dem Bruch des Oberschenkels jene Mobilität wie vor dem Unfall zurück.

Teure Brüche

Pro Patient entstehen dabei für Behandlung und Rehabilitation Kosten von rund 30.000 Euro. "Das wirklich Beschämende ist jedoch die schlechte Behandlung", sagt Weber. "Sogar bei jenen, die gerade wegen einer Fraktur in der Klinik waren, bekommt nur jeder Fünfte eine Folgetherapie. Und bei der Vorsorge steht es noch wesentlich schlimmer." Dabei, so Weber, standen die Chancen einer Vermeidung derartiger Unglücksfälle noch nie so gut, da mit Aufklärung des Krankheitsprozesses mehrere Optionen zur Verfügung stehen.

Schlüsselelement Kalzium

Das Schlüsselelement der Osteoporose ist Kalzium. Und ebenso das Dilemma: Ältere Menschen haben einen höheren Kalziumbedarf, können das Mineral jedoch schlechter aufnehmen. Da Kalzium nicht nur als "Knochenzement" fungiert, sondern auch in der Signalübertragung der Nerven eine wichtige Rolle spielt, betrachtet die innere Systemsteuerung die Knochen zudem als eine Art Rohstofflager, auf das es bei Kalkmangel zugreift.

Risikofaktor Vitamin D Mangel

Bei älteren Menschen geht dieser Mangel mit einem zunehmend schlechter werdenden Nachschub von Vitamin D, das bei der Neugewinnung von Kalzium im Darm eine große Rolle spielt, einher. Der Großteil des Vitamin D wird über den Einfluss der Sonne in den oberen Schichten der Haut erzeugt. Die dünner werdende Haut und - häufig durch Bettlägrigkeit verursachter - Sonnenmangel sind Risikofaktoren.

Lebensstil als Vorsorge

Damit ist auch der geeignete Lebensstil ein fester Bestandteil der Vorsorge gegen Osteoporose: ausreichend Licht und Bewegung sowie kalziumreiche Ernährung. Milchprodukte, Gemüse, Nüsse und Bohnen sind die kalkreichsten Lebensmittel.

Vitaminversorgung

Das simpelste therapeutische Gegenmittel gegen Knochenbrüche ist der gezielte Zusatz von Kalzium und Vitamin D über Medikamente. Seit mehr als zehn Jahren ist bekannt, dass diese Kombination in der Lage ist, das Risiko - beispielsweise von Hüftbrüchen in Altersheimen - um mehr als 40 Prozent zu reduzieren.

Skelettaufbau

Die weiteren therapeutischen Optionen sind von ihrem Wirkansatz her wesentlich raffinierter und greifen unmittelbar in die Mechanismen des Auf- und Abbaus der Knochensubstanz ein. Bei gesunden Menschen befindet sich dieser Prozess im Gleichgewicht: Knochen aufbauende Zellen, so genannte Osteoblasten sowie die Knochen abbauenden Osteoklasten ergänzen einander gegenseitig bei den Erneuerungsarbeiten an unserem Skelett.

Risikofaktoren

Diese sensible Balance kann durch zahlreiche Einflüsse gestört werden. Bei Frauen beispielsweise durch die hormonelle Umstellung im Zuge der Menopause und einem damit einhergehenden Rückgang des Östrogenspiegels, der sich ebenso negativ auf den Knochenstoffwechsel auswirkt wie ein sinkender Testosteronspiegel bei Männern. Weitere Risikofaktoren: überhöhter Alkoholkonsum, die Einnahme von Steroiden oder eine über längere Zeit andauernde Behandlung mit cortisonhaltigen Medikamenten. Hier bestehen - nun auch bei Männern - gute Behandlungsoptionen mit Bisphosphonaten, die die Knochenoberfläche stärken.

Risiko Krebstherapie

Eine von Osteoporose besonders bedrohte Patientengruppe sind Frauen mit Brustkrebs, die eine antihormonelle Therapie erhalten. Speziell die neue Wirkstoffgruppe der Aromatasehemmer, die mit großem Erfolg das Risiko von Folgetumoren reduziert, schwächt auf der anderen Seite die Knochenstruktur. Nach drei Jahren Therapie leidet jede zweite Patientin unter einer deutlichen Abnahme der Knochenmasse. Das Bruchrisiko steigt gegenüber gleichaltrigen Frauen ohne Krebstherapie um das Zehnfache.

Ehrgeiziges Forschungsprojekt

Dieser gefährdeten Patientengruppe widmet sich nun ein ehrgeiziges Forschungsprojekt. Getestet wird dabei ein vom US-Konzern Amgen entwickelter Antikörper, der die Knochen abbauenden Osteoklasten hemmt. Im Rahmen der "Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group" werden nun 2800 Frauen eingeladen, dieses neue Medikament zu testen.

"Der große Vorteil dieses Wirkstoffes ist seine enorme Halbwertszeit im Körper", erklärt Günther Steger von der Universitätsklinik Wien. "Die Patientinnen brauchen nur alle sechs Monate eine Injektion." Bereits in einem Jahr werden erste Ergebnisse zur Wirksamkeit dieser Therapie vorliegen.
(Bert Ehgartner/MEDSTANDARD/16.10.2006)

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    Wenn Knochensubstanz porös wird: Osteoporose kann für Menschen ab 50 zum brisanten Problem werden
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