"Wollte immer ohne Zwang gehen"

2. März 2007, 14:51
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Der Tiroler Georg Totschnig ist nach rund 1300 Rennen und noch runderen 500.000 Kilo­metern kein Radprofi mehr

Salzburg - Ziemlich exakt ein Jahr nach der Kür zu Österreichs Sportler 2005 hat Georg Totschnig gestern, Montag, seine Karriere als Radprofi offiziell beendet. Der Zillertaler geht mit 35 Jahren in Sportpension, worüber sich Gattin Michaela und die Kinder Emma (8), Max (2) und Josef (0,5) - so sie es denn mitbekommen - sehr freuen.

Totschnig gleitet nicht mittel- und beschäftigungslos ins Privatleben. Der Tiroler hat in 13 Profi-Jahren so gut verdient, dass er "nicht jede Arbeit annehmen muss. Ich habe mir eine Existenz aufgebaut." Für ein Zubrot im ersten Jahr sorgen die Firmen Hervis und Palfinger (Kran- und Anlagenbau), deren "Palfit-Programm" für die Belegschaft Totschnig betreuen wird.

Neben dem in rund 1300 Rennen schwer Ersparten bleiben Totschnig, so sagte er in der leicht zugigen Palfinger-Ausstellungshalle zu Salzburg Bergheim, vor allem die guten Erinnerungen an seinen Sport, der ja in den letzten Jahren jede Menge Negativschlagzeilen produziert hat.

Das Thema Doping habe in den Rücktrittsüberlegungen keine Rolle gespielt, obwohl der Zillertaler, der persönlich nie auch nur in den Verdacht gekommen war, manipuliert zu haben, natürlich auch unter dem Generalverdacht, unter dem alle Radprofis standen und stehen, gelitten hat. "Ich wollte immer ohne Zwang gehen, wollte nie deshalb Schluss machen müssen, weil ich kein Team mehr finde. Viele sagen, ich soll noch ein, zwei Jahre weitermachen. Aber das ist für mich der ideale Moment zurückzutreten."

Totschnigs letztes Rennen, die Lombardei-Rundfahrt am verwichenen Samstag, illustrierte nochmals recht anschaulich die Stärken und Schwächen des fünffachen Staatsmeisters. Gut 150 Kilometer fuhr er da an der Spitze, 45 Kilometer vor dem Ziel wurden Totschnig und seine drei Fluchtgefährten gestellt, am Ende blieb ihm Platz 57 und das Resümee, dass es ein "schönes Rennen" war.

Freund Ullrich

Totschnig war nie ein ausgesprochener Siegfahrer. Seine Tageserfolge als Profi sind an einer Hand abzuzählen. Totschnigs Qualitäten lagen in seiner Leidens- und Regenerationsfähigkeit bei großen Rundfahrten und in seiner Mannschaftsdienlichkeit. Sie führten ihn, nach ersten Profijahren beim Team Polti in Italien (u.a. mit Gianni Bugno), 1997 an die Seite von Jan Ullrich ins Team Telekom.

Ullrich gewann in diesem Jahr die Tour de France, Edeldomestik Totschnig trug vor allem am Berg auch sein Schärflein zum Sieg in der Mannschaftswertung bei. Ein Vorbild war Ullrich für Totschnig nie, "ich habe immer Miguel Indurain bewundert". Aus der Ferne, während Ullrich ein Freund geworden und trotz dessen Doping-Verwicklungen geblieben ist. "Ich trennen das. Was er gemacht hat oder nicht, ändert nichts."

2000, nach dem neuerlichen Gewinn der Österreich-Rundfahrt, wechselte Totschnig ins Team Gerolsteiner. Immerhin entschied er 2004 die Königsetappe der Tour de Suisse für sich, wurde Siebenter der Tour de France. Und ein Jahr später folgte der Triumph auf der 14. Tour-Etappe. Mit seinem Soloritt nach Ax-3-Domaines in den Pyrenäen beendete Totschnig eine 71-jährige Durststrecke. Der letzte Österreicher mit einem Tour-Tagessieg vor ihm war 1931 Max Bulla gewesen. Womit der Nichtsiegfahrer doch vor allem durch einen Sieg in Erinnerung bleiben wird. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 17. Oktober 2006)

GEORG TOTSCHNIG (35 Jahre)

Geboren:
25. Mai 1971 in Innsbruck
Wohnort:
Ramsau im Zillertal (Tirol)
Größe/Gewicht:
1,75 m/62 kg
Familienstand:
verheiratet mit Michaela (seit 1995), eine Tochter (Emma, 8 Jahre), zwei Söhne (Max, 2, und Josef, 6 Monate)
Beruf:
Radprofi (1994 bis 2006)
Hobbys:
Ski fahren, Familie
Homepage:
www.totschnig.cc
Profi-Teams:
Polti (1994-1996), Telekom (1997-2000), Gerolsteiner (2001-2006)

Größte Erfolge:

1994:
Vierter Bicicleta Vasca
1995:
Neunter Giro d'Italia (Zweiter der Königsetappe)
1996:
Sechster Vuelta a Espana
1997:
Etappensieger Castilia e Leon, Zweiter GP Midi Libre Sieg Teamwertung Tour de France mit Telekom
1998:
Zweiter Katalanische Woche
2000:
Etappen- und Gesamtsieger Österreich-Rundfahrt
2001:
Sechster Tour de Suisse
2002:
Siebenter Giro d'Italia, Fünfter Tour de Suisse
2003:
Fünfter Giro d'Italia, Zwölfter Tour de France
2004:
Gesamt-Siebenter Tour de France, Etappen-Dritter Tour de France, Etappensieger und Gesamt-Vierter Tour de Suisse
2005:
Etappensieger Tour de France (14. Etappe nach Ax-3-Domaines), Gesamt-Dritter Deutschland-Tour (Zweiter Königsetappe Sölden) Österreichischer Sportler des Jahres
2006:
Etappen-5. und -7. Tour de France, Etappen-3. Drei-Länder-Tour

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    Unvergesslich: der Etappensieg in den Pyrenäen 2005.

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