Jurte mit Plastik für die Kuppel

30. Oktober 2006, 13:27
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Vor sechs Jahren hat Claudius Kern in Graz sein Lager aufgeschlagen. Im Standard-Gespräch erzählt er über Bauweise und Lebensgefühl: "No-Mad-Living"

Statt in einem eckigen Haus wohnt Claudius Kern in einem runden Zelt - er braucht eine Mitte, die ihn "zentriert". Vor sechs Jahren hat er in Graz sein Lager aufgeschlagen und erzählt im Standard-Gespräch über Bauweise und Lebensgefühl der Jurten.


Graz - "Ich gehe nie mehr in eine rechteckige Schuhschachtel", ist Jurten-Bewohner Claudius Kern überzeugt. Ein Heim mit Ecken und Kanten kommt nicht infrage und so bewohnt Herr Kern seit sechs Jahren, unter einer Weide, umrankt von üppigem Grün, sein rundes Zelt im Grazer Stadtteil Sankt Peter. In einem Lichtbildvortrag über die Mongolei habe er die Jurten Anfang der 80er das erste Mal gesehen. Als er gute 20 Jahre später eine eigene Bleibe in Graz suchte, fielen Herrn Kern die Jurten wieder ein und er begann seinen "absoluten Prototypen" zu bauen.

Für die Entscheidung zur Jurte gab es mehrere Gründe. Zum einen spirituelle, denn das Runde ist für Herrn Kern eine Philosophie "Hier gibt es einfach ein organisches, angenehmes Nestgefühl. Der Raum hat eine Mitte, das zentriert dich." Industriekulturen "krankten abgrundtief am historischen Verlust der Inneren Mitte", sagt Herr Kern und zitiert ein ozeanisches Sprichwort: "Wenn der Mittelpfeiler bricht, stürzt das ganze Haus ein."

Während er erzählt, sitzt Claudius Kern im oberen Stockwerk seiner Jurte auf einem Kissen. Der höchste Einrichtungsgegenstand im Raum ist ein Massagetisch, denn "man sitzt am Boden, sowieso". Selbiger ist mit Decken und Polstern bedeckt. Die mit Stoff verkleidete Kuppel hat in der Mitte einen transparenten Einsatz, durch den das Licht auch von oben in den Raum fällt. Die Lichtkuppel ist aus Kunststoff, an alternativen Naturmaterialien wird aber bereits getüftelt.

Finanziell betrachtet hat die Jurte einige unübersehbare Vorteile - nicht nur die Bau- und Materialkosten betreffend: "Die Jurte ist zwar ein Bauwerk, aber kein Gebäude", erklärt Claudius Kern, denn er wohne in einem Zelt. Damit braucht er keine Baugenehmigung. Auch die 250 Euro Pacht, die der Jurten-Fan pro Jahr zahlt, liegt weit unter dem monatlichen Mietpreis einer vergleichbaren Wohnung. Erdgeschoß und erster Stock bieten gemeinsam gute 80 m² Wohnfläche. Auch einen Gemüsegarten hat Herr Kern und so lässt sich sein Jurtenleben mit einer Arbeitswoche pro Monat finanzieren.

"No-Mad-Living"

"No-Mad-Living" nennt der Weltenbummler seinen Ansatz: "Da versteckt sich die doppelte Bedeutung. Zum einen das neue Nomadentum, zum anderen 'kein schlechtes Wohnen'." Aussteiger sei er keiner: "Weil ich nie eingestiegen bin."

Für den Jurtenbau in unseren Breiten sind klimabedingt einige Anpassungen nötig, da es bei uns für die traditionelle Filzbespannung zu feucht ist. Herr Kern hat seine Jurte mit Lkw-Planen abgedichtet, zur Dämmung verwendet er Schafwollvlies.

Strom, Telefon und Internet gibt es in dem Zeltbau, einen Wasseranschluss nicht: Aus den Wasserhähnen und dem Duschkopf kommt Regenwasser. "Das Trinkwasser muss ich mir halt holen." Eine Humustoilette macht einen Kanalanschluss überflüssig. Geheizt wird mit Holz in einem kugelförmigen Urtonofen. Zu kalt wird es Herrn Kern nicht: "Ich muss eher aufpassen, dass ich nicht überheize."

Herr Kern baut seine Zuhause gerade ab, denn er wird für einige Monate nach Neuseeland reisen, um beim Bau einer Jurtensiedlung mitzuarbeiten. Wenn er zurückkommt möchte er sich einen neuen Platz suchen: "Vielleicht in Slowenien. Für eine ganze Jurten-Gemeinschaftssiedlung." (Agnes Fogt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10. 2006)

  •  Das Runde ist für ihn eine Philosophie. Claudius Kern im oberen Stockwerk seiner Grazer Jurte: "Man sitzt am Boden, sowieso."
    foto: standard/harry schiffer

    Das Runde ist für ihn eine Philosophie. Claudius Kern im oberen Stockwerk seiner Grazer Jurte: "Man sitzt am Boden, sowieso."

  •  Das Zelt ist ein Bauwerk - aber kein Gebäude. Daher benötigte Herr Kern keine Baugenehmigung.
    foto: standard/harry schiffer

    Das Zelt ist ein Bauwerk - aber kein Gebäude. Daher benötigte Herr Kern keine Baugenehmigung.

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