Stockholmer Busfahrer im Ticket-Streik

25. Oktober 2006, 09:35
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Nach Raubüberfällen weigern sich Chauffeure, mit Geld zu fahren

Stockholm ist ein unsicheres Pflaster. Wer sich in den vergangenen Wochen mit öffentlichen Bussen durch die schwedische Hauptstadt transportieren ließ, musste überrascht feststellen, dass sich die Chauffeure weigern, Fahrkarten zu verkaufen. Man fährt umsonst und das hat seinen Grund: Raubüberfälle in Bussen kamen in der jüngsten Zeit immer häufiger vor.

Erst am vergangenen Freitag wurde ein Busfahrer grob misshandelt und ausgeraubt. In den vergangenen drei Wochen war es jede Woche ein weiterer Fahrer.

Gewerkschaften und das staatliche Arbeitssicherheitsamt wollen das nun nicht mehr mitmachen und fordern eine tragfähige Lösung von der Busbetreibergesellschaft "Stockholm Lokaltrafik" (SL).

Freifahrten

Bis zum 18. Oktober hat "SL" nun Zeit, eine Lösung vorzubringen. Sonst werden die Stockholmer auch in Zukunft umsonst mit dem Bus fahren, drohen die Busfahrer. "Wenn der Vorschlag nicht gut genug ist, ist das Risiko tatsächlich groß, dass das Arbeitssicherheitsamt vom ersten November an, offiziell jeglichen Bargeldverkehr in öffentlichen Bussen verbietet", sagt auch Amtsjurist Andreas Tidström voraus.

Die Arbeitgeber schlugen deshalb vor, die Bargeld-Fahrkarten in Bussen mit 40 Kronen (4,3 Euro für eine Stunde) doppelt so teuer zu machen wie gewöhnliche Vorverkaufstickets an Schaltern. Dies um Fahrgäste zu ermuntern, nicht mehr im Bus zu zahlen. Rechtlich ist das aber schwierig, weil es sich um eine Fahrkartenerhöhung handelt, die vom Stadtrat genehmigt werden muss.

"Wir könnten die erhöhte Abgabe, 'Schutz- oder Sicherheitsabgabe' nennen", regte die für den öffentlichen Verkehr zuständige Kommunalrätin Anna Kettner deshalb an. Rechtlich ist dies aber schwer durchzusetzen, so die öffentliche Transportgesellschaft und auch die Busfahrer selber halten das nicht für eine Lösung.

"Die Schnauze voll"

"Ich haben einfach die Schnauze voll. Wenn wieder ein Raub geschieht, nehme ich auch in Zukunft kein Geld mehr. Solange ich Geld habe, werde ich vielleicht überfallen", sagt ein Busfahrer.

Die meisten Fahrer wollen ein völlig bargeldloses elektronisches System. "Eine Erhöhung der Ticketpreise wird den Geldverkehr kaum bremsen", sagt der Sprecher der Busfahrer, Igbal Dzaferkovic. Viele Chauffeure haben sogar Angst, dass durch eine Fahrpreiserhöhung letztlich noch mehr Geld auf ihren Schultern lastet.

"Die Betreibergesellschaft sagt lediglich 'wir bedauern', wenn wir Fahrer während der Arbeit niedergeschlagen werden. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand zu deinem Arbeitsplatz kommen würde und dich zusammenschlagen würde?", fragt Dzaferkovic.

Laut Schätzung verliert die SL an einem Tag ohne Einnahmen in den Bussen rund 1 Million Kronen (108.000 Euro).

Es ist nicht das erste Mal, dass die Stockholmer Probleme mit Raubüberfällen haben. In der an sich sehr beschaulich wirkenden Ein-Millionen-Einwohnerstadt werden auch überdurchschnittlich viele Banken und vor allem Geldtransporte ausgeraubt. Weil die Geld-Lieferanten der Bankautomaten in diesem Jahr ständig teils filmreifen Überfällen ausgesetzt wurden, streikten Sie, ähnlich den Busfahrern, mit Forderungen nach mehr Sicherheit. Bis man mit den Arbeitgebern zu einer Einigung kam, war es nahezu unmöglich, in Stockholm Geld von Bankautomaten abzuheben, denn alle waren leer. (André Anwar aus Stockholm/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10. 2006)

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