Fluchtpunkt Rothneusiedl

15. Oktober 2006, 23:32
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Von der Verfassung der Wiener Austria und der zuständigen Magna-Tochter - eine STANDARD-Analyse

Wien - Hängt die Verlängerung des Magna-Engagements bei Austria tatsächlich von Frank Stronachs Gönnerlaune ab, oder stecken wirtschaftliche Interessen dahinter? Will sich Stronach mit dem Stadion in Rothneusiedl ein Denkmal setzen oder braucht er das Einkaufszentrum dort als Infusion für seine abseits der Autoteileproduktion schlecht laufenden Geschäfte? Als am 1. August 1998 Stronach der Austria eine jährliche Hilfe von rund 2,9 Millionen Euro pro Jahr zusicherte, war seine Zuversicht noch groß, mit Fußball, Pferderennen und TV-Wettkanälen seinem Autozulieferbetrieb ein lukratives Nischengeschäft zu kaufen.

Der Betriebsführungsvertrag

Am 2. Februar schloss Austria mit der Magna-Tochter Sportmanagement International (SMI) einen Betriebsführungsvertrag. In der Absicht, dass die SMI "den von ihr geschaffenen Mehrwert der Kampfmannschaft (...) bei bzw. nach Vertragsauflösung lukrieren können soll", und der Verein während der Vertragsdauer zahlungsfähig bleiben soll.

Dem Standard liegt das Papier vor, darin wird vereinbart, dass die SMI alle Transferverhandlungen führt, über Hörfunk & TV-Rechte und Transferrechte beliebig verfügen und diese auch an Dritte übertragen und abtreten darf und die Erlöse daraus vereinnahmen kann (Pkt I, Absatz 6). Nach der Vertragsauflösung (VI, Abs. 3, 4, 6-9) stehen SMI zehn Jahre lang alle den Betrag von 0,43 Millionen Euro übersteigenden Hörfunk- und TV-Lizenzerlöse zu (wertgesichert). Oder SMI zahlt der Austria die 0,43 Mio. Euro und verwertet die Lizenzen selbst. Jeder Spieler der Kampfmannschaft wird mit dem Vierfachen seines Bezuges bewertet, "der ihm für die ersten sechs Monate ab dem Stichtag der Vertragsauflösung zustand", bei einer "Verwertung" (Verkauf) stehen SMI alle Erlöse zu, die über diesen Betrag hinausgehen.

Mitte Mai kündigte SMI schriftlich den Vertrag, mittlerweile hat Stronach der Austria den Sponsor Verbund besorgt und will bleiben. Um den Zusammenhang mit Magna zu klären, wird unter "Diverses" vereinbart (VII, Absatz 6), dass SMI berechtigt ist, ohne Zustimmung der Austria "diesen Vertrag auf ein anderes Unternehmen des Magna-Konzerns zu überbinden oder durch Dritte erfüllen zu lassen, ohne dass es dazu einer Zustimmung des Vereins bedarf".

Vertrauensverlust

Die SMI residiert laut Firmenbuch (Nr: FN 190461s/LG Wr. Neustadt, Geschäftsführung: Ernst Neumann) in Oberwaltersdorf, in der Magna-Europa-Zentrale. Stronach hat das Vertrauen zu Austrias Proponenten verloren, wenn er weitermacht, dann nur mit Neumann. Stronach zahlt für die Austria angeblich aus seiner Sozialkassa, alle anderen - nicht Autogeschäfte - führt die Magna Entertainment Cooperation (MEC). Stronachs Assistentin Veronika Eder: "Wir kommentieren die Zahlen nicht." Im Juli 2005 gewährte die Magna-Immobilien-Tochter MID der MEC einen Überbrückungskredit von 100 Millionen Dollar, die letzte Tranche von 25 Millionen wurde im Februar 2006 überwiesen. Ende September wurde der Kredit um 19 Millionen Dollar erhöht. Einer der Gründe: Schuldenrückzahlungen.

Schon am 1. November 2004 schloss eine nicht näher bezeichnete Magna-Tochter mit der MEC einen Vertrag, demzufolge (bis 2014!) jährlich eine Benutzungsgebühr für den Golfklub Fontana in Oberwaltersdorf von 2,5 Millionen Euro fällig wird.

Im Abschlussbericht des zweiten Quartals 2006 weist die Magna Entertainment Company (MEC), welche Stronachs nicht mit dem Autogeschäft verbundenen Aktivitäten bündelt, in Europa einen Verlust von mehr als 3,9 Millionen Dollar aus (im 1. Halbjahr 2006: minus 6,8 Mio. Dollar). In den selben Zeiträumen 2005 betrugen die Abgänge 5,7 und 9,9 Mio. Dollar. Auch die Einnahmen stiegen, im Quartal auf vier (2005: 2,8) und im Halbjahr auf 7,3 (2005: 4,9) Millionen Dollar.

Negative Bilanzen im Entertainmentbereich

Die Lage scheint sich durch den beginnenden Verkauf von TV-Bildern aus den USA nach Europa zwecks Pferdewetten zu bessern. Doch 2005 kosteten die "European Operations" der MEC 19,4 Millionen Dollar. Im Ebreichsdorfer Racino wird bereits gespart, nach mehr als 40 Renntagen im laufenden Jahr will man 2007 nur mehr zwischen 20- und 30-mal Pferde laufen lassen. MEC schrieb 2003 bis 2005 akkumuliert mehr als 217 Millionen Dollar Verlust (2003: -127, 2004: -57,9, 2005: -33,9). Die Bilanz wurde zwar durch Verkäufe von Golfplätzen und der Rennbahn "Meadows" in Pennsylvania, die durch eine Kasino-Lizenz attraktiv geworden war, geliftet.

Die Aussicht auf ein billiges oder gar geschenktes entwicklungsfähiges Areal im Süden Wiens scheint also nicht nur eine attraktive, sondern eine notwendige Geschäftsaussicht für Stronachs firmeninterne Glaubwürdigkeit. Doch werden die nordamerikanischen Magna-Aktionäre mitmachen, wenn Stronach im fernen Rothneusiedl zwischen 70 und 100 Millionen Dollar investieren will? (Johann Skocek, DER STANDARD Printausgabe 16.10.2006)

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    Frank Stronachs Entertainment Company läuft nicht, wie er sich das vorstellt.

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