Marionetten des Körpers

11. September 2007, 14:47
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Alain Platels Stück "vsprs" zum Ausklang des steirischen herbstes als Glanzleistung im Grazer Schauspielhaus

Der Choreograf legt eine schlüssige und unkapriziöse Arbeit hin, die vom Publikum auch entsprechend euphorisch bewertet wurde.


Graz - Das Zittern und Sich-Schütteln von Tänzern ist einer der jüngsten, emblematisch gewordenen Markierungspunkte im Werk der großen Choreografin Meg Stuart. Damit endet ihr Stück alibi und beginnt das Folgewerk Visitors Only. Wenn nun Alain Platel dieses Zittern in seiner blendenden Arbeit vsprs einsetzt, dann ist es wohl als Zitat zu lesen.

Während Stuart jedoch eine Akrobatin der Abgründigkeit in der zeitgenössischen Choreografie bleibt, schreibt sich Platel lieber in lichtere Gefilde ein. Im Motiv des Zitterns überkreuzen sich diese beiden Größen des zeitgenössischen Tanzes, denn im Zittern liegen Stasis und Ekstasis im Widerstreit miteinander.

Vielleicht träumen die Nachtgesichte der Stuartschen Unterwelt ja auch genau von den Einflüsterungen in Platels vsprs, dieser an whispers erinnernden Titellautmalerei, in der sich Claudio Monteverdis Marienvesper Vespro della Beata Vergine (1610) verbirgt. Es sind die Einflüsterungen des Körpers auf dessen virtuelles Spielzeug, das unter der Bezeichnung "Geist" für anhaltende Selbstbegeisterung des Menschen sorgt. Oder auf die Seele, die sich so gut als Manövriermasse für geistliches Wirken bewährt.

Die Marienvesper ist ein geistliches Werk voll Esprit, das in vsprs von Fabrizio Cassol (mit Wim Becu und Tcha Limberger) durch Jazz-Manöver ins Gegenwärtige entführt wird. Und das in einem Balanceakt, der den barocken Grenzgang zwischen Tradition und Neuem bei Monteverdi sensibel wieder holt.

Einflüsterungen

Der religiöse Gehalt der Komposition wird dabei zum Zitat einer respektvollen profanen Annäherung an die Körperlichkeit der Vesper- Musik. Die Verbindung zwischen der Instrumentalität der Klänge und der Choreografie schafft der weiche Sopran von Claron McFadden. Ihre Stimme legt sich den Tänzerinnen und Tänzern ganz nahe, und sie nehmen ihre Einflüsterungen an, modulieren sie, lassen sich einfangen, mokieren sich über dieses Gefesseltsein und geben sich ihm bis zur Erschöpfung hin. Sie habe ein Gedicht geschrieben, verkündet die ehemalige Tänzerin bei Anne Teresa De Keersmaeker, Rosalba Torres Guerrero. Sein Titel: Oh lonely caca! Ein Taumeln geht dabei durch die kleine Gesellschaft auf der Bühne.

Deren Star, deren "Beata Vergine", ist die Akrobatin Iona Kewney, die in ihrem atemberaubenden Bewegungsvokabular vorrechnet, wofür das Stück den Beweis führt: Wir sind alle Marionetten unserer Körper. Kewney führt die Vituosität der Tänzer in Platels "Les Ballets C. de la B." über sich selbst hinaus, aber nicht als Leistungsturnen, sondern als Poesie. Sie ist die Rastlosigkeit, die Metapher der Wendigkeit schlechthin, und ihre klare Linie ist die einer sich unentwegt verbiegenden Möbiusschleife.

Eine einzelgängerische Künstlerin wie Kewney so gelungen in eine Gruppe zu integrieren oder aus einer Rosas-Fee wie Torres Guerrero das Expressive hervorzuholen, das sind nur einige der vielen Glanzleistungen, die Platel hier schafft. Nie zuvor hat der Belgier so schlüssig und unkapriziös gearbeitet. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2006)

  • Eine gelungene Begegnung zwischen modernem Tanz und Monteverdis Musikkosmos: Alain Platel gelingt eine stringente Verbindung der beiden Welten.
    foto: steirischer herbst/© chris van der burght

    Eine gelungene Begegnung zwischen modernem Tanz und Monteverdis Musikkosmos: Alain Platel gelingt eine stringente Verbindung der beiden Welten.

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