"Europa würde auf eine Grundsicherung hier schauen"

6. Februar 2007, 09:56
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Eine von einer SPÖ-geführten Regierung durchgesetzte Grundsicherung hätte Modellcharakter für ganz Europa, meint der deutsche Arbeitsmarktexperte Hans Harms

Wien - Der international bekannte deutsche Arbeitsmarktexperte Hans Harms setzt darauf, dass Alfred Gusenbauer sein Wahlkampfversprechen von einer Grundsicherung in Höhe von 800 Euro monatlich umsetzt. "Ich hoffe, dass Gusenbauer das durchsetzt. Die Idee einer Grundsicherung muss einmal in einem Staat durchexerziert werden. Das wäre ein interessantes Experiment. Ganz Europa würde auf eine Grundsicherung hier schauen", sagte Harms im Interview mit dem Standard in Wien, wo er Vorträge bei der Arbeiterkammer hielt und sich mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen traf.

Harms verweist darauf, dass es in ganz Europa Initiativen gebe, die in diese Richtung arbeiteten. Weltweit sei nur in Brasilien ein Gesetz zur Einführung einer Grundsicherung verabschiedet, aber noch nicht umgesetzt. Die ersten, die sich damit beschäftigt haben, seien die Belgier gewesen. Auch in Spanien gebe es solche Initiativen. In beiden Ländern hat Harms schon gearbeitet, und wie auch in Deutschland Organisationen und Regierungen beraten. Derzeit lebt er im spanischen San Sebastián.

Der 55-Jährige promovierte Sozialwissenschafter, der schon vor zwanzig Jahren damit begonnen hatte, über neue Formen der Erwerbsarbeit in Europa zu forschen, sieht die Grundsicherung als Antwort darauf, die Abhängigkeit der jetzigen Gesellschaft von Arbeit zu reduzieren. "Wir brauchen neue Ansätze. Wir versuchen immer, mit alten Überlegungen Krisen zu meistern. Man muss aber völlig neu denken. Seit dreißig Jahren beweist sich, dass Vollbeschäftigung unmöglich ist." Es habe immer Auf- und Abphasen gegeben. Es zeige sich aber immer mehr, dass es "jobless growth" gebe, also Wachstum ohne die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Nach Ansicht von Harms ließe sich eine Grundsicherung auch finanzieren: "800 Euro sind steuerfrei. Von allem, was jemand dazu verdient, gehen dreißig Prozent an den Staat. Grob gesagt: Alle, die derzeit weniger als 2000 Euro im Monat verdienen, würden gewinnen. Wer mehr verdient, würde verlieren."

Kein Stigma mehr

Harms zufolge würde dadurch auch der Druck auf Arbeitslose verringert werden. "Jetzt ist es so, dass jeder Arbeitslose jeden Job zu jeder Bedingung annehmen muss. Wenn jeder ein Grundeinkommen hat, erhöht das die Freiheit auf dem Arbeitsmarkt. Denn die Grundsicherung sollte jedem zukommen, auch dem Bankdirektor oder Bundeskanzler. Damit ist niemand mehr stigmatisiert." Denn jetzt sei es so, wer Arbeitslosen- oder Sozialhilfe beziehe, werde als "abgerutscht" betrachtet. Den Vorwurf, er vertrete utopische Ideen, hört Harms oft. "Meine Antwort ist: dass wir über neue Produkte, Wachstum, geringere Gehälter zur Vollbeschäftigung zurückkehren, das sind echte Utopien." (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2006)

  • Wer weniger als 2000 Euro verdient, gewinnt durch eine Grundsicherung, rechnet Hans Harms vor.
    foto: standard/matthias cremer

    Wer weniger als 2000 Euro verdient, gewinnt durch eine Grundsicherung, rechnet Hans Harms vor.

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