Rote Bürgermeister sehen zur Großen Koalition keine vernünftige Alternative

18. Oktober 2006, 16:06
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Raufen, ringen - aber mit Gefühl

Wien - Als Bürgermeister hat man viele Sorgen. Und manche davon sind denen der SPÖ-Bundespolitiker gar nicht unähnlich: Helga Hammerschmied, Bürgermeisterin von Leogang, kann sich lebhaft vorstellen, was auf Parteichef Alfred Gusenbauer zukommen könnte: "In meiner Gemeinde gab es jahrelang eine ÖVP-Mehrheit. Vor zweieinhalb Jahren haben wir das umgedreht", erzählt die Salzburgerin. Angegriffen werde sie noch immer, zum Beispiel in der ÖVP-Parteizeitung. "Aber die Bevölkerung steht hinter mir." Und die will - ebenso wie sie selbst - eine große Koalition, glaubt Hammerschmied: "Deswegen sollten sich die ÖVP und die SPÖ darum bemühen."

"Harmoniebewusst"

Ob bemühen genügt? "Sie müssen sich halt zusammenraufen", glaubt Sonya Feinig. Die Bürgermeisterin der Kärntner Gemeinde Feistritz im Rosental hat Verständnis für die ÖVP: "Die muss das Wahlergebnis verkraften, da sind gekränkte Eitelkeiten mit im Spiel." Feinig regiert mit absoluter SPÖ-Mehrheit, aber immer "harmoniebewusst". Und auf "Bauchgefühl und Gespür" werde es jetzt auch bei den Verhandlungen ankommen.

"Naja" antwortet Bürgermeister Heinz Ladurner aus Tirol, wenn man ihn nach seiner Einschätzung der Erfolgsaussichten der Koalitionsverhandlungen fragt. "Etwas eisig" gehe es da zu. Er wünscht sich von der Bundespolitik mehr Sachlichkeit, denn so regiere auch er in der Gemeinde Pfaffenhofen: "Wir bewegen uns im Gemeinderat im freien Feld und suchen thematische Mehrheiten - mal so, mal so."

Ganz im Westen fühlt sich Arno Salzmann "ziemlich weit weg vom Schuss", was den Wiener Verhandlungspoker betrifft - er ist Bürgermeister von Sankt Gallenkirch in Vorarlberg. Die Verhandlungspartner sollen "respektvoll miteinander umgehen", wünscht sich Salzmann. So wie auf Gemeindeebene: "Da muss man sich in die Augen schauen, und nicht nur in Fernsehkameras." Eine SPÖ-geführte Regierung würde ihm sein Leben erleichtern, hofft er, einer der zwei roten Bürgermeister im schwarzen Ländle: "Ich wünsche mich manchmal ins Burgenland."

Ebendort ist Alfred Grandits seit 20 Jahren Bürgermeister, nämlich in Stinatz. Am allerliebsten wäre ihm das englische System, das nur eine Regierungspartei vorsieht. Aber er betreibt ja keine "Realitätsverweigerung, und das sollten die Verhandler auch nicht tun". Eine große Koalition sei schließlich "die einzig stabile Lösung". In seiner Kommune werden 95 Prozent aller Beschlüsse einstimmig gefällt, und das "trägt sicher zum hohen Ansehen der Kommunalpolitiker bei".

60 zu 40 - so schätzt Wolfgang Spitzbart die Chancen ein, dass SPÖ und ÖVP zueinander finden. Der Bürgermeister von Ohlsdorf in Oberösterreich glaubt, "dass die Verhandlungen wohl etwas länger dauern werden". Rot-Grün hätte er gern an der Regierung gesehen, schließlich "gibt es in der breiten Masse viel Frust, zum Beispiel im Bereich Bildung". Stichwort Bildung: Die ist Kurt Binderbauer ein großes Anliegen. Der Bürgermeister von Spielberg in der Steiermark, von Berufs wegen Lehrer, findet, dass die SPÖ an diesem Thema "dranbleiben" sollte, denn da sei in den vergangenen Jahren einiges schief gegangen. Sein Wunschkandidat als Bildungsminister wäre Wissenschaftssprecher Josef Broukal.

"Hohe Auszeichnung"

Anton Sirlinger ist Bürgermeister von Ybbs im westlichen Niederösterreich, der Heimatstadt von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer. Es sei "eine hohe Auszeichnung für Ybbs", dass der potenzielle zukünftige Kanzler aus der Stadt an der Donau kommt. "Österreich hätte mit Alfred Gusenbauer einen guten Kanzler." Es ist scheinbar nicht (nur) der Lokalpatriotismus, der Sirlinger das Glauben lässt: An der Basis ist man überzeugt davon, dass "der Gusi" ganz der Richtige ist: "Ein beeindruckender Mann mit Durchhaltevermögen" sei er, und im persönlichen Umgang "ganz anders als im Fernsehen." (Andrea Heigl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2006)

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