Vorsicht vor dem Hund

31. Oktober 2006, 12:42
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Leopold Federmairs Roman "Ein Fisch geht an Land"

Es gibt Autoren, die über Jahre hinweg einem illusionären Werk nachstreben, von dessen kommender Identität sie überzeugt sind und das ihnen dennoch in jedem Augenblick ihres Tuns unter den Händen zerfällt. Ihre stille Hartnäckigkeit ermöglicht es ihnen, die Illusion aufrechtzuerhalten, ohne sich dem Wechselspiel von Überschwang und Verzweiflung hinzugeben. Von ihren Vorbildern, zu denen fast das gesamte Personal der Literaturgeschichte zählt, können sie sich nie vollständig lösen. Ihren Willen zu stilistischer Kühnheit vermögen sie, wenn überhaupt, nur in seltenen Augenblicken einzulösen. Leopold Federmair gehört zu diesen Autoren."

Diese Charakteristik stammt nicht von mir – sie stammt von Leopold Federmair selbst. Er hat sie vor einigen Jahren in einer unter Pseudonym publizierten Rezension seines eigenen Buches untergebracht. So sympathisch die Selbstironie eines sehr ernsthaften Autors anmutet: Es finden sich in dieser camouflierten Nabelschau "echte" Anhaltspunkte. Als Übersetzer aus den wichtigen romanischen Sprachen steht Federmair mit "fast dem gesamten Personal der Literaturgeschichte" auf vertrautem Fuß, als Schriftsteller hat er mit "stiller Hartnäckigkeit" seine wenig massentauglichen Projekte verfolgt, bis zuletzt die raffinierte Erzählung Dreikönigsschnee 1723 über einen Wiedergänger des Barockdichters Johann Christian Günther und die großartige Studie Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie darauf schließen ließen, die "Identität" des Werks sei nun endlich da.

Jetzt ist Ein Fisch geht an Land erschienen, und darunter steht tatsächlich zum ersten Mal: Roman. Der Schauplatz ist Bern, Inbegriff säuberlich geordneter Verhältnisse, das Personal eine in Ehren ergraute WG, von einem bürgerlichen Haushalt kaum zu unterscheiden, höchstens dadurch, dass das Mädchen Rigoberta angehalten ist, zu seiner Mutter nicht Mama zu sagen, sondern Evelyn. In diese festgefügte Gemeinschaft kommt ein Fremder: Kave, ein Staatenloser, offenbar von dunkler, kaffeebrauner Hautfarbe, zugleich aber "blaß". Farblos wirkt er im übertragenen Sinn. Er ist die leere Fläche, auf die die anderen ihre Wünsche projizieren, er ist ihr Hallraum: Wenn er seinen Traum erzählt, wird das zum Echo dessen, was eine Wohngenossin gerade denkt.

In der neuesten Literatur ist der Fremde zweifellos en vogue. Terezia Mora hat in ihrem jüngsten Roman Alle Tage einen ähnlichen Helden gezeichnet, auch er eine "displaced person", ein Mann ohne Mitte, ohne Passionen. Vom Archetypischen der Figur redet Eichendorffs Gedicht Der Unbekannte, das Federmair in die Geschichte geschmuggelt hat, von einem Zugereisten, der sich bei einem Ehepaar einnistet und die Frau gehörig durcheinander bringt: "Und traf sein Auge sie, wollt ihr fast grauen: / Es war, wie in den Himmelsgrund zu schauen."

Rigoberta, der Wohngemeinschaftsnachwuchs, nennt diesen Kave "Kaffee", und tatsächlich hat er eine belebende Wirkung auf die Bewohner. Sein Auftauchen – ein Fisch geht an Land! – trägt dazu bei, dass nach der verschütteten anarchischen Tradition der WG gegraben wird. Kave ist der Katalysator, er setzt Nachdenk- und Erinnerungsprozesse in Gang: "die Erinnerung trügt schon nach wenigen Tagen, das ist eine schlechte Ehe: das Gedächtnis und die Fakten, die betrügen sich sehenden Auges, stehendes Fußes", heißt es einmal. So hat jeder Bewohner seine eigene Erinnerung, Sprache, Stimme. Das Prinzip der Mehrstimmigkeit fordert die Aufmerksamkeit des Lesers, zugleich hält das Erzählgerüst das Auseinanderdriftende zusammen. Außer Rigoberta, die mit Kave gemeinsam dichtet, sind da ihre Mutter Evelyn, eine euthanasiegeneigte Krankenschwester, die Kave des Kindesmissbrauchs verdächtigt, Jasmin, die Lifestyle-Journalistin, und ihr Pro-Forma-Gatte Mustafa, und schließlich Konrad, der Zuckerbäcker, der nur noch in der virtuellen Welt zu Hause ist. Weil es ihm schwer fällt, die Grenzen seines Ich zu bestimmen, verschwimmen auch die Grenzen seiner Sprach-Gestalt.

Kave, das kann man auch lateinisch lesen: Cave canem, Vorsicht vor dem Hund! Letztlich bekommt der Fremde den Leuten nicht. Ihm selbst tut die Gesellschaft allerdings auch nicht gut. Ein Fisch an Land, das ist definitiv einer, der nicht in seinem Element ist, der sich nicht wie ein Fisch im Wasser bewegen kann. Biologisch kann das nur tödlich enden. Der Mann verschwindet schließlich, wie es sich für einen geheimnisvollen Fremden ziemt.

Kave, der "ungreifbare Faun", ist eine romantische Figur, jemand, der sich in Eichendorffs "Mondnacht" wiederfindet: "Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus." In der Romantik war freilich auch schon die Zersplitterung des Ich angelegt. Mit halb ernsten, halb ironischen Gedichten aus eigener Produktion bringt der Epiker Federmair eine eigenwillige lyrische Note in den Roman, der überhaupt durch seine poetisch präzise Sprache beeindruckt. Besonders gelungen etwa Jasmins von Missverständnissen gewürzte Wien-Beschreibung, die vom "Gasthaus zu den drei Hackern" erzählt und "Buchteln" für Bestandteile von Kaffeehausbänken hält. Oder das Rigoberta-Kapitel, in dem das kindliche Erlebnis ohne jede Verniedlichung gegenwärtig wird. Gerade dieser Abschnitt macht deutlich, was man an anderen vermissen mag. Denn manchmal scheint es, als wäre die Verrätselung Selbstzweck, als wären die Figuren in ihrem Konstruktionsschema eingezwängt, als stünde der Theoretiker Federmair dem Erzähler im Weg, als wüsste und wollte er zu viel. Der Leser jedenfalls wünscht sich, Federmair als Romancier einmal so entspannt zu erleben wie in seinem Stifter-Buch, das um einiges spannender zu lesen ist als Stifter. (Daniela Strigl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.10.2006)

Leopold Federmair:
"Ein Fisch geht an Land"
€ 18,–/172 Seiten.Otto Müller, Salzburg 2006.
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