Pressestimmen zum Friedensnobelpreis

24. Oktober 2006, 13:01
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"The Times": Überzeugter Kapitalist und Visionär -"Welt": "Wirtschaftsnobelpreis wäre ein wirklich überraschendes Signal gewesen"

Berlin - Internationale Tageszeitungen beschäftigen sich in ihren Samstagsausgaben mit dem Friedensnobelpreis für den "Banker der Armen" Muhammad Yunus. Die überraschende Entscheidung des Nobelkomitees wird überwiegend gewürdigt, vereinzelt stellen die Kommentatoren jedoch die Frage, ob Yunus vielleicht nicht eher den Wirtschafts-Nobelpreis verdient hätte.

  • "The Times" (London):

    "Mohammed Yunus, Gewinner des diesjährigen Friedensnobelpreises, ist ein Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch, der sein Leben einer Geschäftsidee gewidmet hat, von der ihm wiederholt gesagt wurde, sie müsse missglücken: einer Handelsbank ausschließlich für die "nicht bankfähigen" Armen, Leute in Leibeigenschaft der Kredithaie. Persönlich bescheiden, ist Professor Yunus ein ehrgeiziger Geschäftsmann, ein überzeugter Kapitalist und ein Visionär, entschlossen, die Riegel zu knacken, welche die Armen einsperren. Sein Schlüssel sind Kredite - er nennt sie Mikrokredite -, und es funktioniert."

  • "La Stampa" (Turin):

    "Mohammed Yunus ist der Bankier, der es geschafft hat, durch ein Nadelöhr zu schlüpfen. (...) Während es beim Krieg im Irak 600.000 Opfer gegeben hat und die Situation in Afghanistan, Darfur und Somalia gespannt bleibt, könnte die Entscheidung für Yunus (...) wie eine sehr bequeme, ästhetische Wahl seitens des Nobelkomitees wirken. Aber die Begründung für die Auszeichnung enthält eine sehr schöne Feststellung: "Dauerhafter Friede kann nicht erreicht werden, wenn nicht große Bevölkerungsgruppen Wege finden, um der Armut zu entkommen." Statt für moralische Zwecke Gewalt einzusetzen, was als Beweggrund für den kriegerischen Export der Demokratie angesehen wird, hat sich Yunus mit dem Gegenteil beschäftigt: Er hat das Mitleid und die Hilfe für Arme dazu benutzt, sie dazu zu bringen, ihre wirtschaftliche Stärke einzusetzen."

  • "La Repubblica" (Rom):

    "Mohammed Yunus (...) hat nicht den verbrauchten Blick derjenigen, die die Realität - Dinge und Menschen - für voraussehbar und unveränderlich halten. Er ist nicht wie diejenigen, die eine komplexe Sache - wie eine internationale Bank - oder eine ganz einfache Sache - wie einen Armen aus der Dritten Welt - ansehen und denken, dass diese beiden Sachen eine Natur und ein Schicksal haben, die schon in der DNA der zeitgenössischen Geschichte unveränderlich festgeschrieben stehen. Und dass es damit sinnlos sei zu versuchen, dies zu verändern oder - besser noch - sie zusammenarbeiten zu lassen. Es brauchte einen Mann des Glaubens, um es zu versuchen - aber einen ohne Dogmen, einen Erforscher der Möglichkeiten, der dazu in der Lage ist, da ein Trampolin zu sehen, wo andere immer nur Hindernisse gesehen hatten."

  • "Aftenposten" (Oslo):

    "Die Überraschung war groß und Fragezeichen gab es viele, als das Nobelkomitee den diesjährigen Träger des Friedensnobelpreises bekannt gab. Aber es bedurfte nur relativ weniger Information, ehe die Entscheidung auf Respekt und Anerkennung stieß. Durch Heraushebung des Konzeptes der Kleinstkredite von Mohammed Yunus und seiner Grameen-Bank in Bangladesch zeigt das Nobelkomitee, dass es den Friedensbegriff auszuweiten wünscht und unterstreicht, dass der Kampf gegen die Armut zentraler Bestand von Friedensarbeit ist. Man hat dafür eine sachlich und auch zeitlich gut fundierte Preisvergabe gefunden. Man ehrt einen Muslim, der sich über 30 Jahre handfest dafür eingesetzt hat, bescheidenen Wohlstand für die Allerärmsten zu schaffen. Das ist im Wesentlichen Frauen in der islamischen Welt zugute gekommen."

  • "Svenska Dagbladet" (Stockholm):

    "Wenn die Literaturnobelpreisträger auf politischer Grundlage gewählt würden, wäre das Renommee der Auszeichnung gleich schnell dahin, wie jenes des Friedensnobelpreises, der sich zu einer Art Meisterschaft in politischer Korrektheit entwickelt hat. Der diesjährige Preisträger war jedoch eine leuchtende Überraschung. (...) Yunus' Idee war es, armen Unternehmern mit Mikrokrediten eine Chance zu geben, indem sich Lohnbezieher ohne jegliche Sicherheiten in kleinen Gruppen zusammen tun und füreinander bürgen. Dies hat sich als sehr effektive Methode erwiesen, Menschen aus der Armutsspirale zu helfen. (...) Ein schöner Einsatz für den Frieden."

  • "Frankfurter Allgemeine Zeitung":

    "Ein Bankgründer erhält den Friedensnobelpreis - wer hätte das gedacht? Doch im Fall des Muhammad Yunus kommt das Unglaubliche nicht völlig überraschend. Der Wirtschaftsprofessor aus Bangladesch genießt mit seinem auf Kleinstkredite spezialisierten Institut längst einen legendären entwicklungspolitischen Ruf. (...) Der Erfolg der kapitalistisch arbeitenden Grameen-Bank steht im Kontrast zu vielen mildtätigen Entwicklungsprojekten. Der Weg aus der Armutsfalle, den Yunus aufzeigt, führt nicht über Geschenke, sondern über Geschäfte. Letztlich ging es ihm stets um Hilfe zur Selbsthilfe. Kredit, Markt, Gewinn - viele Menschen verbinden mit solchen Begriffen ausschließlich Negatives. Der praktizierende Volkswirt hat das Gegenteil bewiesen. Er hat bewiesen, dass daraus auch für die Schwächsten Positives erwachsen kann."

  • "Die Welt" (Berlin):

    "Das Komitee in Oslo vergibt seinen Friedensnobelpreis an einen Banker aus Bangladesch, der mit Minikrediten an die Ärmsten Entwicklungsprozesse initiiert. Enorm erfolgreich, wie man nicht nur in Bangladesch, sondern auch in Afrika und besonders bei Frauen beobachten kann.(...) Natürlich ist die unternehmerische Initiative Grameen ehren- und bemerkenswert, die Ich-AG funktioniert in Armut offenbar besser als im hoch entwickelten Deutschland. Doch Friede ist ein zu großes Wort, als dass man es einzig dem Sozialen zu-, ja unterordnen sollte. Vorbei die Zeiten, in denen umstrittene Figuren wie Kissinger, Brandt oder Gorbatschow die Welt bewegten. Oslo hätte Folgendes tun können: einem Mann wie Muhammad Yunus den Wirtschaftsnobelpreis zu verleihen. Das wäre ein wirklich überraschendes Signal gewesen."

  • "Stuttgarter Zeitung":

    "Bleibt die Frage, ob der Friedenspreis die richtige Auszeichnung für das Modell ist. Yunus und seine Mikrokredite wären auch dem oft als erzkonservativ gescholtenen Wirtschaftspreis gut bekommen. Mit dem Friedenspreis hätte mit gutem Recht auch der Friedensschluss in der indonesischen Provinz Aceh gewürdigt werden können. Doch das Friedenskomitee bemüht sich seit Langem, den Friedensbegriff weiter zu fassen, als dem Preisstifter Alfred Nobel einst vorschwebte. Der Kampf für Menschenrechte ist inzwischen als nobelpreiswürdig unumstritten, Umweltschutz kam hinzu, die Friedensdimension der Armutsbekämpfung ist da nur eine logische Fortsetzung."

  • "Rhein-Zeitung" (Koblenz):

    "Mohammad Yunus hat keine Kriege geschlichtet und keine hohen Ämter bekleidet. Aber er bewirkt Veränderung durch die Macht der kleinen Schritte. Seine Vision ist 'eine Welt frei von Armut'. Doch der Mann aus Bangladesch begnügt sich nicht mit einem kühnen Traum. Er rückt ihn an die Realität heran. Tag für Tag. Dollar für Dollar."

  • "Kölner Stadt-Anzeiger":

    "Die brutale Logik gilt in Zeiten der 'Globalisierung' mehr denn je: Wer keine Sicherheiten bieten kann, kriegt keinen Kredit. Dies gilt für die meisten Menschen in der Dritten Welt. Millionen werden so um eine Startchance gebracht. Muhammad Yunus war der erste, der mit seiner 'Grameen Bank' eine Institution geschaffen hat, die diese Regel durchbrach. Keine Idee hat während der vergangenen Jahrzehnte die Welt so sehr verändert, wie das Prinzip des 'guten Bankiers' aus Bangladesch."

  • "Märkische Oderzeitung" (Frankfurt/Oder):

    "Das kleine, geniale Konzept, Armen Mini-Kredite zu geben, damit diese sich eine Nähmaschine oder ein Pflug anschaffen können, setzt auf das Prinzip 'Hilfe zur Selbsthilfe'. Denn nur wenn die Bevölkerung in den Entwicklungsländern lernt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wird es dort aufwärts gehen. Und vor allem - und das ist Yunus' besonderes Verdienst -, wenn auch die Frauen in diesen Prozess eingebunden werden. Friedensnobelpreise für Diplomaten, Friedensunterhändler oder Anti-Kriegs-Aktivisten sind aller Ehren wert. Aber jemand wie Yunus, der Millionen von Armen aus ihrer hoffnungslosen Lage geholfen hat, verdient die Auszeichnung mindestens genauso. Denn ohne einen Sieg über die Armut wird es niemals Frieden geben."

  • "General-Anzeiger" (Bonn):
  • "Wenn Menschen ohne Ausweg zur Armut verdammt sind, könne es keinen dauerhaften Frieden geben, heißt es in der Begründung zur Verleihung des Nobelpreises. Das ist einleuchtend. Umso weniger verständlich ist, dass viele sich dieser Einsicht verweigern: Sie halten Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung noch immer für ein Luxus-Thema, dessen Bedeutung sich einzig an der jeweiligen Kassenlage orientiert." (APA/Red)

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