Essay: Russland, Frauen, Sterben

17. Oktober 2006, 17:32
posten

Die Schriftstellerin Katharina Tiwald über den gewaltsamen Tod von Anna Politkowskaja

Wenn ich aufwache, weiß ich, ich bin versichert, ich spüre quasi die Gültigkeit meiner E-Card (die ich mir für diesen Monat erkauft habe). Ich mag vielleicht, manchmal, ein bisschen traurig darüber sein, dass ich in einem menschenleeren Bett aufwache, aber ich bin versichert.

I

Ich bin Schriftstellerin. Eines meiner Bücher handelt von Sankt Petersburg, ich war dort auch im Museum für Gerichtsmedizin, wo Vladimir Kustovs schwarz-weiß-graue Ölbilder von Leichen hängen, abgerissene Köpfe, aufgedunsene Körper, Messer durch Schädel, Schwarz, hat Vladimir mir gesagt, sei die Farbe des Lebens, Weiß die des Todes, Grau die des Sterbens, und es gebe so viele Zwischentöne. Die Liebe und der Tod seien das Wichtigste im Leben, hat er mir gesagt. Dass sein Tod wahrscheinlich das wichtigste Ereignis seines Lebens werde.

II

Meine Mutter ist bei der Premiere meines ersten Theaterstücks vor Scham fast im Betonboden des Saals versunken, als der Fotograf auf der Bühne zur Nonne sagte: "Ich will deinen Uterus herausfotografieren." So ist das eben auf dem Land, wo ich herkomme, in dem Land, aus dem ich herkomme, so was stößt auf, Körperteile, das Aufeinanderknallen von Körpern, Sex etc., Provokation, pfui, lieber den wählen, der in Jesus-Stellung auf Plakaten posiert für die Wahl und für "Sicherheit" wirbt, was auch immer das heißen mag, Schwarz auf Gelb heißt das: strengere Gesetze, mehr Polizei, dichtere Grenzen. Wenigstens waren weder der österreichische Bundespräsident noch der österreichische Bundeskanzler beim KGB oder bei der SS oder bei der Stasi oder sonst wo. Das Sonstwo ist ein Anderswo. Anderswo ist weit weg.

III

Auf Russisch ist das Wort für Haut und für Leder das gleiche: Leder ist dicker, Leder kann man nicht nur abgezogen und gegerbt, nein, auch künstlich haben, auf jeden Fall ist Leder käuflich, in Russland ist so ziemlich alles käuflich geworden, in meinen Lesefluss trifft die Nachricht von der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja, mein Leseturm wankt und wird erschüttert von dieser Nachricht, quer hin-ein schießt dieser Tod mit seinen Verstrickungen. Ein anderer Stein in meinem schwankenden Leseturm mit seinen offenen Scharten. Eingebaut jetzt In Putins Russland, Politkowskajas Buch, gerade auf Kafkas Prozess (da geht der Angeklagte, formlos in seiner Wohnung verhaftet, aus eigenem Antrieb zum Verhör) und Arendts Banalität des Bösen; zufällig liegt das alles da, und zufällig jetzt, nein, jetzt kommt also Anna Politkowskaja dazu. Viktor Pelevin (noch ein Russe) liegt auch da, Generation P: Da wird ein Werbemann im Auto erschossen, durch den Autositz hinein in den Rücken.

IV

Ich weiß nicht, ob es zulässig ist, von "weiblich" zu sprechen, das Frausein zu betonen. (Manche haben Anna Politkowskaja vorgeworfen zu emotional zu sein, zu verstrickt, keine Analyse zu betreiben. Dieses Emotionale, dieses Wütendsein. Im Nachruf der Nowaja Gaseta auf ihre Journalistin steht - unter vielem anderen - dass Anna Politkowskaja eine schöne Frau gewesen sei, auch eine Mutter; dass man sich Schönheit anerlebt.)

"Weibliche Qualitäten", ich weiß ja oft selbst nicht, was an mir weiblich ist (nur dass ich versichert bin, weiß ich, und meine E-Card leuchtet), das weiß ich aber, dass die Männer in Russland durchschnittlich mit 56 sterben. Dass die Frauen eher über dem Sterben stehen und das Leben - schaukeln. Wiegen. Dass die Mütter der Soldaten sich zu einem Verein zusammengeschlossen haben und für ihre Söhne kämpfen, nicht die Väter. In Kafkas Prozess wird eine Frau von einem bärtigen Studenten der Juris- prudenz küssend an die Wand des Verhandlungssaals gedrückt und zum Vögeln genötigt, und sie macht mit, immerhin hat der Student der Jurisprudenz eine gewisse Stellung, der Posten des Ehemanns hängt vom Studenten ab.

V

Wie man sich bettet, von wem man sich ficken lässt, im Prokrustesbett fehlen manchmal die Füße beim Aufwachen, weil es zu kurz war. Manchmal bis zu den Knien.

VI

Manchmal kommt man zum Moment, in dem man sich fragt, wozu das alles. In der größten Sinnlosigkeit entwickelt sich manchmal ein Todesdrang im Menschen: Sterbenwollen. Dann beißt man sich durch, manchmal, macht weiter, manche geben trotzdem nicht auf und nicht nach, und aus dem Tätigsein, aus dem Tun heraus und dem Ziel und dem Kämpfen und Beißen kommt dann wieder der Lebenswille, ungebremst, kraftvoll, nicht enden wollend. Anna Politkowskaja im Vorwort zu In Putins Russland: "Wir wollen aber nicht sterben, wir schlagen um uns, versuchen freizukommen, zu überleben, unsere neu gewonnene Demokratie zu retten."

VII

Wir sind betroffen: Die Richtigen sollen nicht sterben, denken wir, und wie es möglich ist, dass sich Falsche entwickeln, Falsche, die auf die Richtigen schießen, Falsche, die Kriege führen, in die Richtige fahren, um das uns allen Richtige zu retten. Indem sie aufdecken und berichtigen.

In unserer Welt ist es möglich, dass sich Menschen zu Falschen entwickeln. Dass Systeme falsch sind, ganze Gesellschaften kranken. Aber es gibt kein richtiges Sterben der Richtigen, weil das Sterben höchst selten gutes Sterben ist. Alleine sterben, an Siechtum und Alter sterben, zerhäckselt werden, verunfallen, Krebstode. Manche werden erschossen. "Die Richtigen sollen nicht sterben", wünschen wir Übermenschgläubige uns in unserer kränkenden, kranken Welt. Es gibt kein richtiges Sterben, selbst Heldentode sind nicht richtiges Sterben (und überhaupt, Helden, wer sind die, und stolz wird geschrieben, Politkowskaja habe einen kleinen Wagen gefahren, in einer kleinen Wohnung gelebt).

Es gibt aber durchaus richtiges Leben im falschen, auch wenn das anderswo anders gestanden sein mag. Und auch jene, denen, und sei es bloß über Strecken des Lebens, das Richtige gelingt, enden im Aufhören und Krepieren, und nie ist der Tod sauber und heldenhaft. Auch Prokrustes, der ein Wegelagerer war, ist erschlagen worden.

VIII

Aber dass uns keine Kugeln treffen, das sollte doch sicher sein, verbrieft, verbürgt, und die Waffen nieder, verdammt noch mal, und keine Ausdemwegschaffungen mehr. Die in Russland Methode sind.

Bitte das in Relation zu setzen zu der Lage "bei uns", wie das bei uns ist; wo Blattmacher von einem "neuen Österreich" träumen und dann, in den Werbungen fürs Machwerk, sämtliche abgebildeten Gesichter hinter einer uniformen Zeitung verschwinden lassen; wo jemand in Jesusposition, die Arme ausgebreitet dasteht, in Missionarsstellung sozusagen und pornofroh vom Plakat grinst, "weil er's kann". Bitte nachzudenken darüber, was man wirklich kann, hier im Vergleich zu anderswo.

IX

Ach Gott, ich bin ja auch eine Frau, ich bin ja nur eine Frau, ich bin auch emotional, und logisch bin ich auch nicht, versichert, Hauptsache, ich liege versichert in den Morgen im leeren Bett und weiß, ich kann mir heute eine Zeitung kaufen.

X

Wählen muss man schon einmal: mit wem, und was überhaupt im Leben. Wie das aussehen soll. (DER STANDARD, Printausgabe 14./15.10.2006)

Zur Person

Katharina Tiwald: Geboren 1979, aufgewachsen in Großpetersdorf / Burgenland. Studierte Sprachwissenschaft und Russisch in Wien, Sankt Petersburg und Glasgow. Publikationen in Zeitschriften und im Rundfunk, 1995 erster Erzählband, 1996 Theaterstück im Offenen Haus Oberwart. Zuletzt erschien von ihr das Buch "Die erzählte Stadt. Unbekanntes Sankt Petersburg" (Herbig Verlag, 2006) und in der edition lex liszt "Schnitte - Portraits - Fremde" (2005) . Lebt in Wien.

Share if you care.