Frische Brise aus Stockholm

11. Oktober 2007, 14:01
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Mit Orhan Pamuk endlich wieder ein Literaturnobelpreis, der Akzente setzt - Ein Kommentar der anderen von Stephan Weidner

Endlich wieder ein Literaturnobelpreis, der Akzente setzt! Endlich einmal ein jüngerer Nobelpreisträger, der noch mitten im literarischen Schaffen steht, dessen Werk den Zenit lange nicht überschritten hat, von dem wir noch viel erwarten können.

Und endlich ein Nobelpreisträger, den wir auch wirklich lesen wollen und nicht diese, mit Verlaub, abgehalfterten Dramatiker wie Dario Fo oder Harold Pinter, nicht die mehr hochgeschätzte als wirklich gelesene Elfride Jelinek.

Der Nobelpreis für Orhan Pamuk löst ein, was die Preisvergaben in den letzten Jahren auf geradezu empörende Weise vermissen ließen: nämlich das Renommee des noblen Namens gezielt dafür zu nutzen, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die die Literatur, das Lesen und eine unbestechliche schriftstellerische Stimme lenken.

Kein Weltverbesserer

All das geschieht nun. Die Literatur als solche wird in den Vordergrund gestellt, weil Pamuk eben nicht Politiker oder Weltverbesserer in der Maske eines Schreibenden ist, sondern ein genuiner und, sagen wir es ruhig, wirklich genialer Schriftsteller. Einer, den man liest, nicht weil er die rechte Meinung hat, sondern weil er zum Lesen, zum Eintauchen in seine Geschichten verführt. Und dessen Geschichten doch immer weit mehr sind als nur Spannung, Suspense - vielmehr Eroberungen sind, Eroberungen von Welten, die irgendwie mit unserem Alltag zu tun haben, doch sich unserem gewöhnlichen Blick entziehen.

Besonders die beiden letzten Romane von Orhan Pamuk, die Bücher "Rot ist mein Name" und "Schnee", sind nicht nur spannend wie ein Krimi, sondern machen uns vertraut mit den Abgründen der zwischen Orient und Europa hin- und hergerissenen türkischen Seele.

Vergangenheitsbewältigung

Sie führen vor, was Literatur auch im Zeitalter der bilderlastigen Medien genuin zu leisten vermag - dass sie zugleich das freiste und welthaltigste Medium ist.

Das Wort, die Literatur ist frei und zugleich macht sie frei. Das hat Pamuk in den letzten Jahren wie kein zweiter Schriftsteller seines Rangs unter Beweis gestellt.

Er hat die Freiheit, die ihm sein Renommee als Schriftsteller schon vor dem Nobelpreis eingebracht hat, genutzt, um in seiner Heimat die selbstkritische Vergangenheitsbewältigung anzumahnen, die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern. Dies hat ihm die wütende Feindschaft türkischer Nationalisten eingetragen, eingeschüchtert hat es ihn nicht. Und es ist wohl Zufall, aber doch ein sehr stimmiger, dass am gleichen Tag, an dem der Nobelpreis für Pamuk bekannt wurde, die französische Nationalversammlung ein Gesetz, verabschiedet hat, das die Leugnung des Genozid an den Armeniern unter Strafen stellt - trotz heftiger Proteste aus der Türkei.

Dass Pamuk dennoch nicht dem Westen nach dem Maul redet und die Türkei schlechtmachen will, hat er bewiesen, als er im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Zur Überraschung vieler hielt dieser Türkeikritiker dort nämlich ein flammendes Plädoyer für die seine Heimat als integraler Bestandteil Europas und für die Aufnahme der Türkei in die EU.

Nationalismus

Vor diesem Hintergrund entpuppt sich die gestrige Stockholmer Entscheidung nicht nur als literarisch treffsicher, sondern auch als eminent politisch. Das Nobelpreiskomitee hat Europa-Politik gemacht - für eine Aufnahme der Türkei, gegen einen engstirnigen türkischen Nationalismus; für die Kräfte des Ausgleichs und der Annäherung hüben und drüben.

Noch ein anderes kulturpolitisches Zeichen ist zu vermerken. Der Nobelpreis für Pamuk ist nach dem für Machfus der erste für einen muslimischen Autor, und zwar einen, der in einer der großen Kultursprachen des Islam schreibt. Pamuk, so weltgewandt er ist, so fließend Englisch er spricht, schreibt nicht zufällig Türkisch, sondern sieht sich in der jahrhundertealten Tradition der osmanischen-orientalischen Literatur und Dichtung, spielt mit deren überlieferten Motiven und Formen und macht sie für die Gegenwart fruchtbar.

Diesem osmanische Erbe verdankt sich ein Großteil der Faszination von Pamuks Schreiben, für Türken wie für westliche Leser gleichermaßen. So ehrt dieser Nobelpreis nicht zuletzt die große, in Pamuk wiederauferstandene Erzähltradition des Orients.

Ungerechtigkeit

Ein bisschen leid tut es einem nur um den anderen großen Nobelpreiskandidaten, den mittlerweile 77jährigen arabischen Dichter Adonis, der Jahr für Jahr hoch gehandelt wird und doch immer leer ausgeht. Musste einen die Verkennung von Adonis in den Jahren zuvor, als weitaus schwächere Kandidaten geadelt wurden, wirklich schmerzen, wird man den Stockholmern diesmal freilich keine Ungerechtigkeit vorwerfen wollen.

Halten wir also die frohe Nachricht fest: Der Nobelpreis für Literatur ist wieder da! Und auch wenn es nicht leicht sein wird, noch einmal eine Wahl zu treffen, die in jeder Hinsicht so stimmig ist wie diese, wünschen wir innig, dass die frische Brise in Stockholm viele Jahre anhält.

(DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.10.2006)

  • Zur PersonDer in Köln lebende Orientalist (Jg. 1967) Stephan Weidner ist Autor, Übersetzer und Literaturkritiker und seit 2001 Chefredakteur der Zeitschrift "Fikrun wa Fann/Art & Thought"; er hat zahlreiche Lyriker aus dem Arabischen übersetzt, darunter Adonis und Mahmud Darwisch; zuletzt erschien von ihm im Amman-Verlag der Erzählband "Mohammedanische Versuchungen".
    foto: der standard

    Zur Person
    Der in Köln lebende Orientalist (Jg. 1967) Stephan Weidner ist Autor, Übersetzer und Literaturkritiker und seit 2001 Chefredakteur der Zeitschrift "Fikrun wa Fann/Art & Thought"; er hat zahlreiche Lyriker aus dem Arabischen übersetzt, darunter Adonis und Mahmud Darwisch; zuletzt erschien von ihm im Amman-Verlag der Erzählband "Mohammedanische Versuchungen".

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