Verstehen wollen

13. Oktober 2006, 20:15
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Am 14. Oktober wäre Hannah Arendt 100 Jahre alt geworden. Ein fiktives Interview mit der großen politischen Theoretikerin

Am 14. 10. wäre Hannah Arendt 100 Jahre alt geworden. Ist ihre politische Theorie heute noch aktuell? - Um dieser Frage nachzugehen, hat Christoph Leitgeb sie zu einem fiktiven Interview getroffen. Die Antworten gab ihm ein Buch, das erstmals 1951 in New York erschien: Hannah Arendts Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.

DER STANDARD: Frau Arendt, Sie benennen Nationalsozialismus und Stalinismus als die zwei einzigen, bisher bekannten Beispiele totalitärer Herrschaft. Hat sich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts die Gefahr eines Totalitarismus erledigt, der Menschen nach Belieben für überflüssig erklärt?

Hannah Arendt: Es ist, als ob alle entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tendenzen der Zeit in einer heimlichen Verschwörung mit den Institutionen sind, die dazu dienen können, Menschen wirklich als Überflüssige zu behandeln und zu handhaben. / Die ungeheure Gefahr der totalitären Erfindungen, Menschen überflüssig zu machen, ist, dass in einem Zeitalter rapiden Bevölkerungszuwachses und ständigen Anwachsens der Bodenlosigkeit und Heimatlosigkeit überall dauernd Massen von Menschen im Sinne utilitaristischer Kategorien in der Tat "überflüssig" werden.

DER STANDARD: Als eigentliches Wesen totalitärer Herrschaft definieren Sie den Terror. Gerade der Terror hat als politisches Motiv derzeit Konjunktur. Aber hat der letztlich staatlich organisierte Terror damals mit dem von heute überhaupt etwas zu tun?

Arendt: Was die intellektuelle Elite wie den Mob zum totalitären Terror verführte, war (....) der Umstand, dass es sich um Terrorismus im wahrsten Sinne des Wortes handelte, um eine Art Philosophie des Terrors. Terror war zum Stil politischen Handelns überhaupt geworden, ein Mittel, sich selbst, den eigenen Hass und ein blindes Ressentiment auf alles Bestehende auszudrücken.

Er war eine Art Bombenexpressionismus, und seine Anhänger waren durchaus bereit, mit ihrem Leben für einen gelungenen Ausdruck ihres Selbst, und das heißt für eine Anerkennung ihrer Existenz von Seiten der normalen Gesellschaft, zu bezahlen. / Die große Anziehungskraft, die das dem Terror entsprechende, sich selbst zwingende Denken auf moderne Menschen ausübt, liegt in seiner Emanzipation von Wirklichkeit und Erfahrung. Je weniger die modernen Massen in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein können, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhölle abkommandieren zu lassen, in der alles gekannt, erklärt und von übermenschlichen Gesetzen im Vorhinein bestimmt ist. / Hierzu gehört auch die überall feststellbare Tatsache, dass Todesangst ein Phänomen ist, das innerhalb des politischen Raumes und in den eigentlichen Massengesellschaften kaum noch eine Rolle spielt.

DER STANDARD: Der Stalinismus brachte seinerzeit auch in der "Gegenideologie" des amerikanischen Antikommunismus totalitäre Züge zum Vorschein. Wenn also der arabische Raum im "Krieg gegen den Terror" den amerikanischen Imperialismus kritisiert - benennt er dann in diesem Imperialismus nicht eine historische Wurzel des Totalitarismus?

Arendt: Die Tragödie begann nicht, als viele nationale Politiker von imperialistischen Geschäftsleuten gekauft wurden, sondern als die Unbestechlichen einsehen mussten, dass Weltpolitik nicht nur "Größenwahn" war, sondern auch eine unausweichliche Notwendigkeit. / Milliarden Dollar sind in politische und wirtschaftliche Wüsten, wo Korruption und Unfähigkeit herrschten, gepumpt worden und dort versickert, bevor irgendetwas Produktives damit angefangen werden konnte. (&) Was jedoch schon jetzt beängstigend deutlich scheint, ist die Stärke gewisser, scheinbar unkontrollierbarer Prozesse, die darauf hinauslaufen, jede Hoffnung auf eine Entwicklung der neuen Nationen zu Verfassungsstaaten zu zerstören und die republikanischen Institutionen in den alten zu untergraben. Die Beispiele sind zu zahlreich, um sie auch nur flüchtig aufzuzählen, aber das Aufkommen eines "invisible government" in Gestalt der Geheimdienste, deren Einfluss auf die Innenpolitik, auf den Kultur-, Ausbildungs- und Wirtschaftsbereich des amerikanischen Lebens erst unlängst aufgedeckt wurde, ist ein so unheilvolles Zeichen, dass man es nicht mit Stillschweigen übergehen kann. (&) Auf die tödliche Gefahr, die diese "unsichtbare Regierung" für die Institutionen der "sichtbaren Regierung" bedeutet, ist oft hingewiesen worden; weniger bekannt ist dagegen vielleicht, dass schon immer ein enger Zusammenhang bestand zwischen imperialistischer Politik und der Herrschaft einer "unsichtbaren Regierung" von Geheimagenten.

DER STANDARD: Diese "unsichtbare Regierung" scheint zunehmend den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren.

Arendt: Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch eine bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus. In dieser Verachtung drückt sich bereits die Überzeugung aus, dass Tatsachen nur von dem abhängen, der die Macht hat, sie zu etablieren. / Ihnen genügt die Hybris, wirklich zu meinen, dass alles gemacht werden kann, dass alles Gegebene nur ein zeitweiliges Hindernis ist, das durch überlegene Organisation überkommen werden kann.

DER STANDARD: Wenn man in Europa nach den Ausläufern sucht, welche die Wurzeln des Totalitarismus getrieben haben, stößt man vor allem auf eine Verantwortungs- und wohl auch Hilflosigkeit in Fragen der Migration. Sie beschreiben die Situation im Satz: "Historisch beispiellos ist nicht der Verlust der Heimat, wohl aber die Unmöglichkeit, eine neue zu finden."

Arendt: Hoch entwickelte Gemeinwesen (&), in denen große Bezirke des Lebens zum Gegenstand der öffentlichen Angelegenheiten geworden sind, zeigen immer eine Neigung zur Fremdenfeindlichkeit, weil sich in dem Fremden die von Natur gegebene Unterscheidung und das natürlich Unabänderliche viel deutlicher offenbaren als in dem Einheimischen. Aus dem gleichen Grunde sind sie so verhängnisvoll interessiert an ethnischer Gleichförmigkeit und gehen oft gerade an ihrer Unfähigkeit, Unterschiedliches zu assimilieren, zugrunde. /

Frankreich (zum Beispiel war schon) nach dem Ersten Weltkrieg von ausländischen Arbeitskräften abhängig. Dass ungeachtet des faktischen Einströmens von Ausländern nach Frankreich die französische Einwanderungspolitik unverändert fremdenfeindlich blieb, diente zwar immer noch nationalen, aber keineswegs mehr wirtschaftlichen Belangen, und die offensichtliche Diskrepanz zwischen offizieller Politik und faktischen Zuständen zeigte nur zu deutlich, dass der Nationalstaat außerstande war, auch nur die entscheidenden innenpolitischen Probleme der Zeit auf seine Weise zu lösen.

DER STANDARD: Derzeit verbinden die Politiker europäischer Nationalstaaten Migrationsfragen wohl immer noch mit populistischen Interessen, gleichzeitig fordern sie aber, die Problematik auf einer übernationalen Ebene zu lösen.

Arendt: Die Tatsache, dass die europäischen Nationalstaaten sich in solche schieden, welche alle Elemente, die ihnen nicht passten, aus dem Lande jagten, und solche, welche diesen Volksgruppen als mehr oder minder illegale Auffanggebiete dienten, hatte eine ganze Reihe von Konsequenzen, die, ohne dass die Öffentlichkeit sich ihrer Tragweite noch bewusst geworden wäre, alle darauf hinausliefen, Legalität überhaupt im Innern der betroffenen Staaten wie in ihren zwischenstaatlichen Beziehungen zu unterminieren. / Alle Diskussionen über die Staatenlosen- und Flüchtlingsfrage drehen sich seit mehr als dreißig Jahren um eine einzige Frage: Wie kann man den Staatenlosen wieder deportationsfähig machen?

Gleichzeitig mit dem Asylrecht also brach das System der Naturalisierung zusammen. Gleich dem Asylrecht war es innerhalb der Nationalstaaten immer nur auf einzelne Individuen zugeschnitten gewesen, eine Randerscheinung nationaler Organisation, eine Art von Ausnahme, dazu bestimmt, die Regel zu bestätigen.

In dem Augenblick, da Tausende, Zehntausende, Hunderttausende und schließlich Millionen hätten naturalisiert werden müssen, wurde das ganze Verfahren sinnlos.

DER STANDARD: Jene, die den Status quo unangetastet ließen, arbeiteten wieder nationalistischen "Bewegungen" in die Hände, die sich nicht mehr als staatstragende Parteien im alten Sinne begriffen?

Arendt: Sie gaben damit zu, was das Flüchtlings- und Staatenlosenproblem bald in ganz Europa mit der Präzision eines immer wiederholbaren Experiments demonstrieren sollte, dass nämlich die Transformation des Staates aus einer legalen in eine nationale Institution eine vollendete Tatsache war, dass in der Tat "die Nation den Staat erobert hatte". Und dies wiederum konnte gar nichts anderes heißen, als dass nationale Interessen allen Erwägungen juridischer Art überzuordnen waren, dass mit anderen Worten "Recht ist, was dem deutschen Volke nützt". Die Sprache des Mobs drückte hier wie auch sonst nur das in brutaler Offenheit aus, wovon die öffentliche Meinung ohnehin überzeugt war und dem die öffentliche Politik, wenn auch mit Zurückhaltung, ohnehin Rechnung trug. / Es gelang auch (&) am Modell einer unerhörten Not für unschuldige Menschen, darzulegen, dass solche Dinge wie unveräußerliche Menschenrechte bloßes Geschwätz (...) seien. /

Populär und scheinbar harmlos äußert sich die terroristische Gesinnung bereits in dem Sprichwort "Wo gehobelt wird, da fallen Späne", einem Spruch, mit dem man bekanntlich jegliches rechtfertigen kann und gerechtfertigt hat. In solcher Gesinnung wird nur dort Geschichte überhaupt anerkannt, wo Späne auch wirklich fallen. (DER STANDARD, Print, 14.10.2006)

Von Christoph Leitgeb

Alle "Antworten" Hannah Arendts sind wörtlich zitiert aus: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus". Piper. München, Zürich 2005 (10. Auflage).
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    Hannah Arendt: "Je weniger die modernen Massen in dieser Welt noch wirklich zu Hause sein können, desto geneigter werden sie sich zeigen, sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhölle abkomman-dieren zu lassen".
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