Rote Bande seit Studententagen

14. Oktober 2006, 21:47
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Mit Gusenbauer kommt auch seine 25 Jahre alte Seilschaft an die Macht - Ein Blick auf die internen Netzwerke der SPÖ

Mit Kanzler in spe Gusenbauer übernimmt auch eine 25 Jahre alte Seilschaft die Macht. Die Geschichte über eine Hand voll Jungsozis, die auszogen, um Partei und Staat zu erobern.

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In den Momenten des Triumphes können sie ihm nicht nahe genug sein. Als Alfred Gusenbauer im mit historisierendem Prunk überladenen Budgetsaal des Parlaments am Mittwoch seine Rede zur Lage der Nation hielt, waren sie alle gekommen. Umgarnt von weißen Callas und roten Gladiolen, lauschten sie seinen getragenen Worten vom neuen, erröteten Österreich.

Mit glasigen Augen standen sie da, die sonst so kritischen Zuarbeiter der Partei, die Abgeordneten, die früher in den Couloirs gerne abfällige Bemerkungen fallen ließen, wenn man sie nicht zitierte. Gekommen waren auch die Exponenten der roten Peripherie, die ihre Gesinnung nun wieder stolz vor sich hertragen, und die lieben Genossen von der Gewerkschaft, die zuletzt nicht so pfleglich auf den Vorsitzenden zu sprechen waren.

Wichtigste Mitstreiter

Ganz vorne, vom Rednerpult aus gesehen links, hatte die Parteiregie Gusenbauers wichtigste Mitstreiter platziert: In der ersten Reihe Klubobmann Josef Cap, gleich dahinter Bundesgeschäftsführerin Doris Bures und ihr Zwilling Norbert Darabos. Sie waren in den vergangenen Tagen nicht von seiner Seite gewichen, genauso wie Kommunikationschef Josef Kalina. Vor den 250 Zuhörern triumphierte an diesem Tag nicht nur Gusenbauer in seiner neuen Kanzlerpose, sondern auch diese Hand voll Getreuer. Es ist ihr Sieg, für den sie über 25 Jahre lang hart gekämpft haben.

Sollte der Ybbser tatsächlich Bundeskanzler werden, dann rückt der zentrale Exponent eines der einflussreichsten roten Netzwerke der vergangenen Jahrzehnte an die Spitze der Macht. Im Schlepptau werden eine ganze Reihe von Persönlichkeiten folgen, die alle eines eint: Sie waren in ihren Studententagen Mitglieder in der "Sozialistischen Jugend", genannt "SJ".

Kaderschmiede

Rückblickend lesen sich Geschichten meistens schlüssiger. Aber auch so ist es beeindruckend, wie dicht das Kontaktnetz geknüpft ist, das von Gusenbauers Zeit in der - retrospektiv gesehen - wohl erfolgreichsten Kaderschmiede der Partei herrührt. Selten lässt sich der Marsch einer Clique durch die Institutionen an die zentralen Schaltstellen der Macht in einer Partei so nachvollziehen.

Der Durchgriff der "SJler" ist ein viel strapazierter Begriff in diesen Tagen. Nicht von ungefähr. Geht der Koalitionsplan der SPÖ auf, würden Partei, Staat und Parlament von gleich drei ehemaligen Jungsozialisten regiert: Gusenbauer als oberster Roter im Kanzleramt, Klubobmann Cap als oberster Roter im Parlament und Kommunikationschef Kalina wohl bald als oberster Roter in der Löwelstraße. Der hemdsärmelige Kommunikator mit Vorliebe für klare Kontraste hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Position des Bundesgeschäftsführers sein nächster Traum ist.

Kennen gelernt haben sie sich alle Anfang der Achtzigerjahre. Josef Cap war damals Vorsitzender der roten Jugendorganisation, die für ihre Widerborstigkeit genauso gefürchtet war wie für ihre internen Machtkämpfe - und dennoch oder gerade deswegen als erste und beste Schleuse für die Berufspolitikerkarriere galt.

SJ im Umbruch

Die SJ befand sich damals im Umbruch. Statt blauhemdiger Lehrlingsaktivisten begannen nun Söhne und Töchter aus dem kleinen Angestelltenmilieu und dem linken Bürgertum die rote Jugendorganisation zu dominieren - was auch eine Folge der sozialistischen Bildungspolitik war, die den Kindern des Proletariats den sozialen Aufstieg versprach.

Im parteiinternen Konkurrenzkampf befanden sich die Jusos, wie die SJler auch gerufen wurden, mit der "Jungen Generation", der JG. Sie war unter dem roten "Sonnenkönig" Bruno Kreisky als bravere, regierungsnahe Jugendorganisation gegründet worden. Die SJler verachteten die JGler als zu systemkonform und angepasst. Die JGler wiederum sahen in den SJlern die professionellen Ausbremser und Fraktionierer, denen es nur um die eigene Karriere in der Nomenklatura und nicht um die inhaltliche Arbeit ging. Gleichzeitig Mitglied der SJ und der JG zu sein war undenkbar. Überschneidungen gab es nur im Verband sozialistischer Studenten (VSStÖ).

Tragfähiges Netzwerk

Das sind Antagonismen, die bis heute bestehen - auch wenn die handelnden Personen inzwischen erwachsen geworden sind. Das aufstiegsorientierte Netzwerk der SJ erwies sich in der Generation Gusenbauer letztlich als tragfähiger. Cap holte sich 1980 Gusenbauer als Verbandssekretär, seine zweite rechte Hand wurde der jetzige Kommunikationschef Kalina. Als Schreibkraft und Assistentin heuerte das Herrentrio Doris Bures an. Die Arbeitsteilung von damals besteht im gewissen Sinne bis heute fort - wenn auch auf höherem Niveau.

1983 organisierte Kalina, der sich später in der Ära Klima kurzfristig als Kanzlersprecher mit der Bezeichnung Spin-Doctor schmückte, den Vorzugsstimmen-Wahlkampf Caps. Der Künstler und Wunsch-Kultusminister Gusenbauers, André Heller, steuerte damals übrigens etwas Geld bei. Heute schneidert Kalina für Gusenbauer seine neuen Volkskanzler-Kleider.

Spezis aus Studententagen

Der Kanzler in spe hatte gleich nach Amtsantritt sukzessive seine alten Spezis aus Studententagen um sich geschart: Er machte Cap zum Klubchef und holte Bures als Managerin in die Partei. Ihre erste Amtskollegin, die Wiener Andrea Kuntzl, konnte sich nicht lange halten. Sie war zwar Altersgenossin der Parteiführung, aber im falschen Klub gewesen: Kuntzl war Vorstandsmitglied bei der JG. Ihr Obmann hieß damals übrigens Michael Häupl, heute Wiener Bürgermeister und noch bis vor Kurzem immer für eine launige Bemerkung über den Parteivorsitzenden gut.

Die gelernte Zahnarztassistentin Bures, deren Verhältnis zur Akademikerin Kuntzl bekanntermaßen kariös war, stilisierte sich prompt zum einfachen Working-Girl hoch - auch das ein klassenkämpferisches Rollenspiel, das eins zu eins aus der gemeinsamen Studentenzeit stammen könnte. Kuntzl-Nachfolger Norbert Darabos durfte in der Parteizentrale bleiben. Er kommt aus der SJ Burgenland.

Genosse Matznetter

Mit Christoph Matznetter stieß im Jahr 2000 ein weiterer Genosse aus gemeinsamen Jugendtagen als Finanzreferent und Parteikassensanierer dazu: Der inzwischen sogar als ministrabel Gehandelte war SJ-Vorsitzender in Wien-Rudolfsheim.

Auch den Weg an die Pateispitze ebnete - wenngleich unfreiwillig - ein Jungsozialer: Karl Schlögl. Der einstige Innenminister wollte im Jahr 1999 seinen SPÖ-Chef Klima beerben und installierte Gusenbauer als Bundesgeschäftsführer. Von dort wollte das Duo in bewährter Studentenfraktionierermanier die Partei übernehmen. Aber Schlögl verschätzte sich. Statt für ihn oder für seinen Gegenkandidaten Caspar Einem entschieden sich die Parteialtvorderen für den Mann des Apparates: Gusenbauer.

Neigung zur Verinnerlichung

Unter Roten gibt es die Theorie, dass die SPÖ damit endgültig ihrer Neigung zur Verinnerlichung nachgab. Weil mit Gusenbauer ein typisches Produkt der eigenen Netzwerkstruktur an die Macht kam, habe sich die Partei in den darauffolgenden sechs Jahren noch stärker von der Außenwelt abgekapselt. Gusenbauers Basisnetzwerk, die SJ, wurde zur machttaktischen Dominante. Versuche, die eigenen Kreise zu öffnen, etwa mit der - wohl nicht umsonst so genannten - programmatischen Initiative "Netzwerk Innovation" scheiterten.

Die andere Theorie besagt, dass die SPÖ nie etwas anderes als eine Funktionärsbewegung war und es in der Phase der Regierungsführung dank weltläufig wirkender Kanzlerfiguren wie Franz Vranitzky bloß gelungen war, den streng ausgerichteten Apparat dahinter vergessen zu machen.

VP-"Küchenkabinett"

Für Letzteres spricht, dass alle Parteien die Tendenz haben, in sich geschlossene Netzwerkstrukturen aufzubauen. In guten Zeiten reicht eine Hand voll Menschen aus, um Führung auszuüben. Während der Oppositionschef Gusenbauer in den Jahren 2000 bis 2006 die SPÖ nach seinem Geschmack ausrichtete, regierte einige hundert Meter weiter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Kanzleramt mit seinem "Küchenkabinett". Das bestand bis vor Kurzem im Wesentlichen aus seinem Klubobmann Wilhelm Molterer, seiner Vize Elisabeth Gehrer (bereits abgegangen) und seinem Chefideologen Andreas Khol (ebenfalls abgedankt).

Was die Jubelchöre im Budgetsaal, die sich jetzt sicher alle als Teil des wieder erstarkten roten Netzwerkes begreifen, und den inneren Kreis um Gusenbauer unterscheidet, ist ganz einfach: Erstere tauchen erst dann auf, wenn das Versprechen der Macht einlösbar erscheint. Letztere waren schon vorher loyal. (Barbara Tóth, DER STANDARD, Printausgabe 14./15.10.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Doris Bures, Josef Cap und - nicht im Bild - Norbert Darabos gehören seit 25 Jahren zu Gusenbauers Netzwerk.

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